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50PLUS – ARBEIT

Ist graues Haar hinderlich für die Karriere?


RTL-Moderatorin Birgit Schrowange erschreckte die TV-Gemeinde mit ihrem grauen Look.

Jahrzehntelang mussten vor allem Frauen ihre Haare färben, wenn sie Karriere machen wollten. Einiges spricht dafür, dass sich das jetzt langsam ändert. Der alte Jugendkult ist nämlich gefährlich, schreibt Inga Michler in der «Welt».

Es war eine kalkulierte Provokation: Von langer Hand geplant, trat die Moderatorin Birgit Schrowange in dieser Woche mit silbergrauen Haaren vor die Fernsehkameras. "Der Jugend hinterherzulaufen ist Blödsinn", gab sie in diversen Interviews zu Protokoll.

"Wir werden alle älter." Für solche recht banalen Wahrheiten bekam die 59-Jährige viel Applaus. Das Thema wurde heftig diskutiert in den sozialen Medien. "Mutig", war einer der häufigsten Kommentare. Fast jede zweite Frau in Deutschland ist über 50 - ein Alter, in dem die Natur den meisten Menschen graue Strähnen schenkt.

Und doch gilt es bis heute als mutig, diese auch zu zeigen. Frauen sitzen seit den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts stundenlang beim Frisör, um ihr wahres Alter zu übertönen. Umfragen zufolge färben sich rund 2,4 Millionen Deutsche mindestens einmal im Monat die Haare.

Besonders für Frauen in der Öffentlichkeit von Politikerinnen über Moderatorinnen bis hin zu Managerinnen galt über Jahrzehnte: Grau ist nicht kompetent, sondern einfach nur alt. Doch genau das ändert sich gerade. Stars wie Rihanna und Lady Gaga haben es vorgemacht. Designer und ihre Topmodels zogen auf den Laufstegen nach.

Grau ist Trend, nicht nur in der Mode. Einiges spricht dafür, dass ein selbstbewusstes Grau auch Karrieren beflügeln könnte - sogar die von Frauen.

Seit Clooney ist Grau sogar sexy

Das fängt mit den Männern an. Bei den Alphatieren aus Politik und Wirtschaft gab es über Jahre einen viel beschriebenen - und im Einzelfall vor Gericht bestrittenen - Trend zu Tönung. Im November erst wählten die Amerikaner einen Mann zu ihrem Präsidenten, der auch im 72. Lebensjahr ein gelbstichiges Blond auf dem Kopf hat.

Aber graue Männer dürfen zumindest hoffen, als kompetent durchzugehen und spätestens seit George Clooney sogar als sexy. Und gerade in der neuen Generation der männlichen Wirtschaftsführer gibt es derzeit eine ganze Reihe, die ihr Grau fast demonstrativ zur Schau tragen: Michael Müller etwa, der Vorstandschef von Volkswagen, der es schafft, schlohweisses Haar mit einem agilen Gesamteindruck zu verbinden.

Oder Dieter Zetsche, der seine Grauhaarigkeit sogar noch durch einen dicken weisslichen Schnurrbart betont. Oder auch Tim Cook: Der Nachfolger von Steve Jobs als Chef von Apple ist einer der wenigen Konzernchefs aus dem amerikanischen Silicon Valley, der grau daherkommt.

"Grau ist modern", sagt Monika Schulz-Strelow, die sich mit ihrem Verein Fidar für mehr Frauen in den deutschen Aufsichtsräten starkmacht. "Und das setzt Energien bei Karrierefrauen frei, die sich nicht mehr verbiegen müssen oder wollen."

Die Managerin von heute müsse nicht mehr ständig nach ihrer Wirkung fragen, meint Schulz-Strelow. Sie könne sein, wie sie ist, und sich auf Inhalte konzentrieren.

Frauen setzen Frauen unter Druck

Dahin zumindest könnte der Trend gehen, wenn auch die Frauen davon abliessen, sich gegenseitig wegen ihres Aussehens zu kritisch zu betrachten. "Frauen setzen andere Frauen in Sachen Attraktivität oft mehr unter Druck als Männer", hat Schulz-Strelow festgestellt (die ihre Haare kurz und grau trägt).

Als grosses Vorbild nennt die Beraterin und Lobbyistin die weisshaarige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde. "Die hat eine super Energie, Kraft und Ausstrahlung." Solche Vorbilder allerdings sind bis heute noch rar unter den westlichen Managerinnen.

Lediglich 32 der großen US-Fortune-500 Firmen werden überhaupt von einer Frau geführt. Nicht eine von ihnen trägt graue Haare. Unter Deutschlands 25 weiblichen Dax-Vorständen ist Claudia Nemat die leuchtende Ausnahme. Die 48-jährige Innovationschefin der Deutschen Telekom trägt selbstbewusst hellgraue Strähnen im langen, dunkel-gelockten Haar.

Demokratisierung des Stils

Auch Simone Menne, einst im Vorstand der Lufthansa und heute Finanzchefin beim Pharmakonzern Boehringer Ingelheim, färbt nicht gegen die natürliche Alterung an. Die 56-Jährige trägt grau meliert im modischen Kurzhaarschnitt.

"Wir erleben eine Demokratisierung des Stils", sagt Thomas Sattelberger, ehemaliger Telekom-Personalvorstand und aktuell FDP-Kandidat für den Bundestag. "Bis in obere Führungsetagen nehmen sich Manager die Freiheit, eigene Akzente zu setzen."

Die reichen von roten Sneakers bis hin zu grauen Haaren. "Firmen brauchen Ideenvielfalt mehr denn je. Und die zeigt sich eben auch darin, dass alte Normen für Kleidung und Stil aufgebrochen werden." Graue Haare bei Frauen verbindet Sattelberger seit Kindertagen mit Kraft und Entschlossenheit.

"Als ich ein kleiner Junge war, war Golda Meir Premierministerin in Israel. Die war stark, entschlossen und grau." An das eigene Grau dagegen musste sich Sattelberger erst gewöhnen. "Schon in meiner Telekom-Zeit schlichen sich graue Strähnen in mein Haar.

Da habe ich mich schon gefragt: Bin ich jetzt ein alter Mann?" Heute, mit 68, ist Sattelberger komplett weiss und findet: "Man ist immer so jung, wie man sich fühlt."

Grau ist kein Zeichen von Fruchtbarkeit

Wollten Frauen im Geschäftsleben vor allem anziehend auf Männer wirken, wäre die Sache klar: Attraktiv sind alle Zeichen von Fruchtbarkeit. Je weiblicher eine Frau wirkt - grosse Augen, volle Lippen, eine hohe Stirn -, desto attraktiver ist sie, hat der Göttinger Professor für biologische Persönlichkeitspsychologie, Lars Penke, herausgefunden.

Auch alles, was auf eine gute Gesundheit hindeutet, wirkt anziehend: eine saubere, glatte, gleichmässig gefärbte Haut etwa. Und ein gut proportionierter Körper. Graues Haar bei Frauen ist in dieser Logik nicht attraktiv, weil es kein Zeichen von Fruchtbarkeit ist.

Doch weil qualifizierte Fachkräfte fehlen, können es sich Arbeitgeber immer weniger leisten, bei Führungsjobs auf Frauen zu verzichten - schon gar nicht auf die erfahrenen Älteren. Und von denen gibt es jedes Jahr mehr, während die nachwachsenden Jahrgänge kleiner werden.

Die Babyboomer kommen in die Jahre. Schon heute gehören rund 20 Millionen Frauen in Deutschland zur Generation 50 plus. Es ist vielen von ihnen zwar noch nicht bewusst, aber die Silver-Ladys haben Verhandlungsmacht. Sie können es sich zunehmend leisten, ihre eigenen Vorstellungen bei den Arbeitsbedingungen und ihren Stil durchzusetzen.

Die US-Schauspielerin Jamie Lee Curtis hat damit schon vor 18 Jahren angefangen. Mit gerade einmal 40 hatte sie genug von der Färberei. "Ich fand es einfach beschämend, derart viel Zeit unter diesem hässlichen Frisierumhang zu verbringen."

Schauspielerinnen haben es besonders schwer

Seitdem hat sie den grauen Kurzhaarschnitt zu ihrem Markenzeichen gemacht. Dabei haben es Schauspielerinnen mit dem Altern bis heute besonders schwer. So beklagen Stars wie Meryl Streep, Judy Dench und Helen Mirren seit Jahren, dass es in Hollywood viel zu wenige Rollen für reifere Frauen gibt.

Auf dem normalen Arbeitsmarkt aber gibt es kaum noch Gründe, sein Alter zu verstecken. Eine Reihe von Studien spielt den Älteren in die Hände. In einer repräsentativen Umfrage der Unternehmensberatung EY etwa erwiesen sich ältere Arbeitnehmer als motivierter, engagierter und zufriedener als ihre jüngeren Kollegen.

Und die Frauen übertrumpften die Männer noch. Eine Gruppe von Forschern um die Psychologin Deniz Ones aus Minnesota attestierte älteren Führungskräften bessere verbale Fähigkeiten als den jungen. Auch im Erfahrungswissen schnitten sie natürlich besser ab.

Diese Qualitäten haben sich unter Chefs offenbar herumgesprochen. Wissenschaftler des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) konnten nachweisen, dass ältere Bewerber mit einschlägiger Berufserfahrung zumindest die gleichen Chancen auf eine Einladung zu einem Job-Interview haben wie ihre jüngeren Konkurrenten.

Lesen Sie den ganzen "Welt"-Artikel hier.


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