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Testosteron ist das neue Viagra


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Vielleicht ist er ihr ja bereits so männlich genug.

Erektionsstörungen, Libidoverlust und Müdigkeit: Immer mehr reifere Männer verwenden zur Bekämpfung dieser Probleme Testosteronprodukte. Unter Medizinern ist die Wirkung umstritten. Trotzdem verschreiben sie 32 Prozent mehr Testosteronprodukte als vor drei Jahren, schrieb Martina Frei in der "Sonntagszeitung".

Mehr Schwung, mehr Muskeln, mehr Manneskraft - das erhoffen sich viele Männer vom Geschlechtshormon Testosteron. Die Wachstumsraten bei ärztlich verordneten Testosteronpräparaten sind beeindruckend: Um rund einen Drittel stieg der Absatz in den letzten drei Jahren.

"Die Nachfrage seitens älterer Männer hat zugenommen. Sie kommen meist wegen Erektionsstörungen, Libidoverlust, Müdigkeit oder niedergeschlagener Stimmung", sagt die Hormonspezialistin Mirjam Christ-Crain, Leitende Ärztin am Universitätsspital Basel.

Allein von Mai 2012 bis April 2013 verordneten hiesige Ärzte Testosteronprodukte im Wert von circa 6 Millionen Franken. Das errechnete der Schweizerische Apothekenverband Pharmasuisse anhand von Zahlen aus Arztpraxen und Apotheken. Was zusätzlich in Spitalapotheken abgegeben wurde, ist nicht einbezogen.

Für die Hersteller ist das ein Aufsteller - ob das Testosteron diesen Zweck auch bei denen erfüllt, die es bekommen, ist fraglich. "Höchstens 5 Prozent der Erektionsstörungen lassen sich mit Testosteronmangel erklären. Meist liegen andere Ursachen zugrunde", sagt Hubert John, Chefarzt der Klinik für Urologie am Kantonsspital Winterthur.

"Früher dachte man, wenn man mit 55 Jahren keine Lust auf Sex mehr hat, dann ist das halt so. Heute redet man darüber", stellt Emanuel Christ fest, der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Endokrinologie und Diabetes. Entsprechend häufig werden inzwischen die Testosteronwerte bestimmt.

Bei den über 40-Jährigen verdoppelte sich die Zahl dieser Laboranalysen in den letzten drei Jahren annähernd; bei unter 40-Jährigen stieg sie um rund 60 Prozent, ergab eine Auswertung des Krankenkassenverbands Santésuisse. "Aber längst nicht jeder tiefe Testosteronwert ist behandlungsbedürftig", gibt Christ zu Bedenken. Üblicherweise erreichen die männlichen Geschlechtshormonwerte im Alter von 25 Jahren ihren Höhepunkt, danach sinken sie schleichend.

Was normal ist, ist jedoch von Mann zu Mann verschieden: Etwa ein Viertel der Senioren hat Testosteronwerte, die höher sind als bei manchem Jüngling. Und viele junge Männer haben zwar gemäss Laboranalyse einen grenzwertigen oder gar erniedrigten Testosteronwert, sind aber quietschfidel und leben gut.

Zudem würden Testosteronwerte nur wenig darüber aussagen, wie es um Libido und Erektionsfähigkeit stehe, ergänzt Christ. "Die Libido korreliert nur schlecht mit den Testosteronwerten im Blut. Und zu Erektionsproblemen kommt es eigentlich erst, wenn fast kein Testosteron mehr vorhanden ist." Auch manche Krankheiten, etwa Diabetes, sowie einige Medikamente können die Testosteronwerte senken.

"Nimmt ein übergewichtiger Mann 5 bis 7 Kilogramm ab, steigt der Testosteronspiegel oft wieder auf Normalwerte an", sagt Christ. Als offizieller medizinischer Grenzwert für das Testosteron gilt 11 (Nanomol pro Liter Blutplasma) - ein Wert, der bei 25-Jährigen im unteren Bereich ihrer Altersgruppe wäre.

"Ein Testosteronmangel besteht nur, wenn der Wert zweimal morgens zu tief war und wenn der Mann an Beschwerden leidet", betont John. Dazu zählen (insbesondere bei Älteren häufige) Symptome wie Antriebslosigkeit, Muskelschwäche, Zunahme des Bauchfetts, starke Müdigkeit nach dem Essen oder depressive Verstimmung. "Das finanzielle Interesse der Industrie am Testosteronersatz ist riesig, weil da potenziell sehr viele Männer infrage kämen", konstatiert Tobias Zellweger, Chefarzt Urologie am Basler Claraspital.

Der echte Testosteronmangel betreffe aber nur "wenige Patienten". In einer europäischen Studie traf dies auf rund 2 Prozent von 2966 Männern zwischen 40 und 79 Jahren zu. Bei Männern in den 70ern war jeder 20. betroffen. In solchen Fällen kann der Hormonersatz mit Spritzen, Pflastern, Gels oder Kapseln Wunder wirken: Er macht fitter, hebt die Stimmung und bremst die Osteoporose.

Es sei anzunehmen, dass sich die Behandlung bei etlichen Männern in der Schweiz "im Graubereich" bewege, vermuten die von der SonntagsZeitung angefragten Mediziner. "Zwei Drittel der Anträge auf Kostenübernahme bei Testosteronpräparaten sind medizinisch begründet. Beim verbleibenden Drittel lehnen wir die Kostenübernahme ab, weil Verdacht auf eine Anti Aging-Behandlung besteht", sagt Stefan Heini, Pressesprecher bei der Helsana, auf Anfrage.

Eine starke Zunahme an Gesuchen habe die Helsana bisher nicht beobachtet. In den USA werteten Wissenschaftler die Krankenkassendaten von mehr als 10 Millionen Männern über 40 Jahre aus.

Bei der Mehrzahl derer, die Geschlechtshormone bekommen hatten, gab es "keinen klaren Hinweis, dass der Hormonersatz medizinisch notwendig war", schrieben Jacques Baillargeon und seine Kollegen kürzlich im Fachblatt Jama Internal Medicine online.

Die unnötig Behandelten gehen Risiken ein, die ihnen oft nicht bewusst sind. "Wir sehen zwei- bis dreimal pro Jahr einen Patienten, der Testosteron genommen und damit seinen schlummernden Prostatakrebs geweckt hat", warnt Urologe John.

Das Hormon kann - bei vielen älteren Männern bereits vorhandene - bösartige Zellen in der Prostata zum Wachstum anregen. "Vieles ist noch offen", sagt Mirjam Christ-Crain. Sie verweist auf die grosse WHI-Studie bei Frauen, die nach fünfjähriger Dauer zutage förderte, dass der unkritische weibliche Hormonersatz zu einem erhöhten Risiko für Brustkrebs und Herzinfarkten führte.

Beim Testosteron gebe es bisher keine solchen Langzeitstudien. Unklar sei zum Beispiel, ob die Testosteroneinnahme das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle erhöht, wie dies eine 2010 vorzeitig abgebrochene Studie an etwa 200 Senioren nahelegte.

"Da muss man vorsichtig sein", rät Christ-Crain. Testosteron kann auch kurze Atemaussetzer während des Schlafs, die Schlafapnoe, verschlimmern. Von "Lifestyle-Medikation" raten die von der SonntagsZeitung angefragten Ärzte unisono ab.

Christ-Crain nennt es scherzhaft den "Jung-bleib-Wahn: Alles muss so sein wie mit 30 Jahren." Aber mit 50 Jahren habe man halt oft schwächere Erektionen als mit 20, relativiert John.

Im Zweifelsfall, raten die Fachleute, könne man versuchsweise drei Monate mit Testosteron behandeln - aber nur, wenn wirklich die Bedingungen dafür erfüllt sind und zuvor fachmännisch die Prostata untersucht wurde.

www.sonntagszeitung.ch


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