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50PLUS – MOBILITÄT

Wie Japan über 70-Jährige am Autofahren hindern will


Anspruchsvoll für 70plus: Autobahnverkehr mit vielen Abzweigern.

Die Zahl der von betagten Japanern verursachten Unfälle ist alarmierend gestiegen. Nun reagieren die Behörden: Wer seine Fahrerlaubnis freiwillig abgibt, bekommt Rabatte auf Nudelsuppen oder Coiffeurgutscheine, wie «Die Presse» schreibt.

In West-Tokio wollte eine 83-jährige Autofahrerin im Parkhaus ihr Ticket in die Maschine stecken. Statt auf die Bremse trat sie auf das Gaspedal und raste auf den gegenüberliegenden Bürgersteig. Zwei junge Menschen kamen ums Leben. Im Oktober vergangenen Jahres verlor ein 87-Jähriger die Kontrolle über seinen Wagen, prallte auf eine Gruppe von Schulkindern und tötete einen sechsjährigen Buben.

Kurz darauf fuhr ein 77 Jahre alter Mann in Tokio in das Fenster eines Geschäfts und verletzte zwei Kunden lebensgefährlich. Ein weiterer Senior (77) kollidierte am Steuer mit einem Klein-Laster, ein Mensch wurde getötet. Ein 72-Jähriger überfuhr eine Frau an der Kreuzung und floh panisch.

Diese Ballung tragischer Unfälle innerhalb kurzer Zeit hat in Japan eine landesweite Debatte zu einem brisanten Thema ausgelöst: Wie geht man mit älteren Autofahrern um, die bald nicht mehr fahrtüchtig sind? In der rapide alternden japanischen Gesellschaft sind heute 4,8 Millionen Autofahrer älter als 75 Jahre - doppelt so viel wie im Jahr 2005.

In der Altersgruppe 60-plus haben mehr als 17 Millionen einen Führerschein. Während die Zahl der tödlichen Verkehrsunfälle in Japan insgesamt zurückgeht, steigen die von Senioren verursachten Unglücke alarmierend an. Sie übersehen Verkehrsampeln, geraten beim Abbiegen auf Bürgersteige und fahren bei Autobahnauffahrten in die Gegenrichtung. Von Japans Geisterfahrern sind 70 Prozent Senioren.

 

Widerstand der Auto-Lobby
Japans Premier, Shinzo Abe, hat das Thema als "dringende Angelegenheit" auf seine politische Agenda gesetzt. Er fordert von den Kommunen "konkrete Aktionen", um diesen bedrohlichen Trend zu stoppen. Die aber wollen die immer schneller wachsende Zahl der Alten nicht diskriminieren oder in ihrer Mobilität einschränken.

Die starke Auto-Lobby hat ebenfalls null Interesse, diese Kunden zu verlieren. Also überlegen Behörden, wie sie betagte Fahrzeugbesitzer zur freiwilligen Rückgabe ihres Führerscheins und zur Aufgabe des Pkw bewegen können. Ausgerechnet in der Präfektur Aichi, dem Stammsitz von Toyota, kam die Polizei auf die Idee, Rabatte auf Restaurantbesuche zu geben, wenn ein Senior sich amtlich aus dem aktiven Strassenverkehr abmeldet: Wer einen offiziellen Bescheid in der Hand hat, zahlt weniger für die beliebten Ramen-Nudelsuppen, nämlich nur etwa 4,50 Euro, das ist rund 15 Prozent günstiger.

Die Bescheinigung gilt in 176 Lokalen der Kette Sugakiya, mit der die Polizei einen entsprechenden Deal geschlossen hat. Anreize, gänzlich aus dem Auto auszusteigen, sind reduzierte Taxipreise, kostenlose Lieferungen aus Warenhäusern oder Supermärkten, Gutscheine für den Friseur oder das öffentliche Bad.

 

Polizei geht behutsam mit Senioren um
In Tokio wird älteren Bürgern eine Urkunde ausgestellt, mit der sie günstiger mit Bus und Bahn fahren können. Den Vorschlag von Experten, Ü-70-Piloten jeden Monat zu testen, wurde jedoch als unrealistisch verworfen. Immerhin müssen diese Senioren ihren Führerschein alle drei statt, wie in Japan üblich, alle fünf Jahre erneuern.

Dabei werden kognitive Funktionen überprüft und in einem Seminar auf die Probleme älterer Fahrer hingewiesen. Alles in allem aber geht die Polizei sehr behutsam mit ihren Senioren um. Ab März dieses Jahres müssen sich Verkehrssünder, die über 74 Jahre alt sind, einer ärztlichen Untersuchung unterziehen.

Aber nur bei ernsthaften Problemen oder Symptomen von Demenz soll der Führerschein entzogen werden. Man setzt eher auf familiäre Klärungen im höflich-japanischen Stil. So überreichte der Enkel eines Senioren mit beginnender Demenz dem Großvater bei einer kleinen Feier eine Urkunde: "Abschluss der Fahr-Karriere". Große Schule macht dieses Beispiel bisher allerdings nicht: 2015 gaben nur 270'000 Japaner ihren Führerschein aus Altersgründen zurück.


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