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Aloys, Instagram-Star

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Instagram-Star, ohne es geplant zu haben: Aloys Abram (Foto: Jannik Diefenbach/@Jaadiee)

Der 72-jährige Abram war schon einige Jahre in seiner wohlverdienten Pension, als sein Enkel plötzlich eine Idee hatte. Heute ist der hippe Grossvater mit den Markenkleidern eine Social-Media-Sensation.

Einmal pro Woche verwandelt sich Alojz Abram in ein Hypebeast. Die Jugendsprache beschreibt so einen Jugendlichen, der überwiegend sehr teure, weil sehr begehrte Kleidung und Schuhe sammelt, einzig zum Zweck, seine Mitmenschen zu beeindrucken, finanziert meist von Eltern, die davon nicht ganz so beeindruckt sind.

(Foto: Jannik Diefenbach/@Jaadiee)


Alojz Abram ist kein Jugendlicher. Er ist 72 Jahre alt und Rentner. Er hat auch jemanden, der seine Klamotten finanziert, aber das sind nicht seine Eltern, und er beeindruckt 220'000 Mitmenschen. Max Sprick hat ihn für die Süddeutsche Zeitung getroffen.

Auf der Fotoplattform Instagram ist Alojz Abram, der Hypebeast-Opa, unter dem Pseudonym @Jaadiee berühmt. Seine Verwandlung dauert nur rund zehn Minuten: Abram, wenige graue Haare auf dem Kopf und viele freundliche Falten im Gesicht, zieht sich zunächst bunte Turnschuhe an, enge Jeans oder Jogginghosen, Kapuzenpullover und Mützen.

Dann setzt oder stellt er sich auf Strassen oder vor bemalte Häuserwände, wo ihn sein Enkel fotografiert. Ein paar Hashtags und Klicks besorgen den Rest.

Das Internet ist gross, es ermöglicht die kuriosesten, interessantesten und skurrilsten Geschichten, und es macht Menschen zu Berühmtheiten, gerade wie es ihm gefällt.

Das Leben von Alojz Abram war eigentlich als followerfreies Leben angelegt; dass gerade er jetzt zu denjenigen gehört, deren Fotos von anderen angeklickt werden, ist Zufall.

(Foto: Jannik Diefenbach/@Jaadiee)


Ein seltsamer Zufall, aber auch ein schöner. Bei dem Regen, den der Wind an diesem November-Abend über den Stadtteil Hechtsheim im Mainzer Süden peitscht, hat Abram keine Lust, sich zu verwandeln.

Er lädt lieber in seine Erdgeschoss-Wohnung mit dem kleinen Garten, um zwischen Massivholz-Möbeln von seinen Verwandlungen zu erzählen. Er trägt einen schwarzen, vom Enkel designten Pullover, und ja, tatsächlich Turnschuhe, aber sonst deutet nichts auf sein Doppelleben hin.

An den Wänden hängen Bilder seiner Familie oder klassische Öldrucke, in der Ecke steht ein gemütliches Grosseltern-Sofa. Starker Kaffee steht auf gestickten Untersetzern auf dem Glastisch.

Nur auf einer Kommode findet sich ein einziger Hinweis: Ein kleines, mit Buntstiften gefertigtes Gemälde von Abram. «Ein Fan hat das nach einem meiner ersten Fotos gemalt», sagt Abram. Er blickt noch eine Weile auf das Werk, fast andächtig.

Auf dem allerersten Foto, das von ihm im Internet hochgeladen wurde, lehnt er lässig an einer Backsteinwand. Den rechten Arm in die Hüfte gebeugt, das linke Bein angewinkelt, so blickt er aus dem Bild heraus. Abram sieht aus, als wüsste er nicht so recht, was er da tut, und vor allem: warum.

Warum er sich in rot-weisse Turnschuhe seines Enkels gezwängt hat, die ihm zu klein sind. Warum er Tennissocken trägt, warum er seine Cordhose bis über die Knöchel hochgekrempelt hat und warum dieser Brustbeutel quer über seinem weissen Kapuzenpulli spannt.

«Das war meine Idee», sagt Jannik Diefenbach, Abrams 23-jähriger Enkel. Diefenbach, rasierte Schläfen unter dichten Haupthaar-Locken, dicke Silberringe an seinen Fingern, wollte sich an Weihnachten vor zwei Jahren einen Spass erlauben.

Für seine Freunde wollte er seinen Grossvater fotografieren, den er dafür in seine eigene jugendliche Kleidung steckte.

Was auf dieses eine Foto folgte, konnte keiner ahnen. Diefenbach nicht, weil er ja eigentlich nur einen Spass machen wollte, und Abram und seine Ehefrau nicht, weil sie nicht wussten, was Instagram ist.

Jetzt verdient Aloiz Abram mit einer zehnminütigen Verwandlung mehr als in seinem früheren Leben in mehreren Wochen.

Seinen Ruhm erlebt und geniesst er lieber analog. Im Supermarkt, wo plötzlich Jugendliche auf ihn zukommen und Selfies mit ihm schiessen wollen. Im Fitnessstudio, wo ihm die starken Männer auf die Schulter klopfen und ihn um seine Followerzahlen beneiden.

Und auf internationalen Turnschuh-Messen, zu denen ihn die Veranstalter einladen, weil sie sich dadurch eine gesteigerte Aufmerksam versprechen.

(Foto: Jannik Diefenbach/@Jaadiee)


Was @Jaadiee verdient, bekommt Enkel Jannik. Unter einer Bedingung: Er darf sein Studium nicht vernachlässigen, da ist der Instagram-Opa ganz konservativ. Denn sonst, sagt er, ist schnell Schluss mit den Verwandlungen.

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