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SEX IM ALTER

Die Lust geht nicht in Rente

Liebe, Lust, Sex, Zärtlichkeit, Leben, 50PLUS

Die Senioren würden darüber sprechen, aber die Jungen wollen es nicht hören (Foto: Fotalia)

Liebe, Zärtlichkeit und Lust kennen keinen Ruhestand. Das Verhältnis zur Erotik verändert sich und die Sexualität an sich auch. Aber wie?

Sex im Alter ist für die Jungen häufig ein Tabu. Oma hat keinen Sex, Opa auch nicht und sowieso keiner mit runzliger Haut, lichtem Haar und gebrechlich gewordenem Körper. Ältere Frauen und Männer reden selten bis nie über das Thema.

Für die Badische Neuste Nachrichten haben fünf Menschen jenseits der 70 das Tabu gebrochen und mit Journalistin Linda Roth über Liebe, Sex und Beziehungen gesprochen. Einer muss ja den Anfang machen. Die Geschichten der Karlsruher sind echt, deshalb sind es ihre Namen nicht.

Herr Ehrhardt, 80: Der Junggebliebene

Sex hat kein Verfallsdatum, findet jedenfalls Herr Erhardt. „Sex gehört für mich einfach dazu“, sagt er. Herr Erhardt ist 80 Jahre alt und verwitwet. Seine Frau starb vor einem Jahr. Seit anderthalb Jahren hat er eine Freundin. Ebenso lange hat er auch Sex mit der Nachbarin. Kein Dreiecks-, sondern ein Vierecks-Ding. Bis seine Frau starb. Und dann die Nachbarin. Jetzt ist es ein Zweier-Ding. Er und seine Freundin. Das mit der Nachbarin fand Herr Erhardt allerdings schon praktisch. Sie war über 70, verwitwet und wusste genau, was sie wollte. Sie fasste ihm in den Schritt, als er bei ihr war. „Dann kam eines zum anderen“, sagt Herr Erhardt. Er mochte sie. Half ihr im Garten. Das war natürlich auch eine gute Tarnung. Denn dass die Nachbarn das spitz bekommen, wollte Herr Ehrhardt nun auch nicht. Er war seiner Frau immer treu gewesen, bis es ihn im hohen Alter überkam.

Jetzt noch eine Affäre?

Warum? „Ja, warum?“. Achselzucken. Über 40 Jahre waren Herr und Frau Erhardt verheiratet. Der eine wusste, was der andere dachte. So eine Ehe hatten sie. Deshalb hat er auch ein schlechtes Gewissen. Auch ein Jahr nach dem Tod seiner Frau. „Manchmal spreche ich mit ihr“, sagt Herr Ehrhardt.
Herr Erhardt blitzt der Schalk aus den Augen. Gross. Schlank. Schütter werdendes Haar. Eigentlich noch gut zu Fuß. Aber wenn eine nette Pflegerin ihm ihren Arm zum Einhaken anbietet, sagt er natürlich nicht nein. „Es würde mich auch nicht stören, mal noch eine jüngere Frau zu haben“, sagt er. Was nicht heißt, dass er seine Freundin nicht anziehend findet: „Meine Freundin ist figürlich hübsch und hat schöne Beine“, sagt er. Mit ihr ist es Herrn Erhardt ernst. Angefangen hatte alles mit einer Umarmung. Dann trafen sie sich öfter. „Ich musste gegenüber meiner Frau Ausreden erfinden, weil ich plötzlich später nach Hause kam“, sagt Herr Ehrhardt. Die ganze Sache flog auf. Herr Erhardt und seine Frau schwiegen es tot. Seine Freundin blieb. Eine Pattsituation. Dann starb seine Frau. Ein Schmerz, den man Herrn Erhardt ansieht, über den er aber schweigt. Sicherheit. Geborgenheit. Blinde Kommunikation. Einfach weg. Von heute auf morgen. „Jeden Tag legte sie mir meine Kleidung raus. Das war mir recht. Ich war ihr dankbar“, sagt Herr Erhardt. Eine Kleinigkeit. Eine, die nach 40 Jahren Ehe jeden Morgen traurig macht, weil sie nicht mehr da ist. Er machte seiner Freundin einen Heiratsantrag. „Ich wollte einfach wissen, wo es mit uns hingeht“, sagt er. Sie lehnte ab. Auch das Zusammenziehen. Nicht mal seine Wohnung betritt sie. Herr Ehrhardt ist etwas ratlos. Wohin geht die Reise? So eine Wochenendsache will er eigentlich nicht.

Frau Schick, 78: Die Geniesserin

Frau Schick hat so eine Wochenendsache. Eine, die sehr gut funktioniert. Er kommt am Freitag mit seinem Köfferchen zu ihr, samstags gehen sie gemeinsam essen und sonntags gehen er und sein Köfferchen wieder. Er ist ihr Mann. Seit sieben Jahren sind sie verheiratet. Es ist Frau Schicks zweite Ehe. Sie ist 78 Jahre alt und erinnert ein bisschen an Jane Fonda. So adrett. So gepflegt. So unnahbar, ohne arrogant zu wirken. Auch für sie gehört Sex zu einer Partnerschaft dazu. Es gibt für sie auch keine Altersgrenze: „Dass es nicht mehr geht, das kommt von alleine“, sagt sie. Bis vor kurzem hatten sie noch regelmäßig Sex. Mitte des Jahres wurde sie am Darm operiert. „Die Ärzte sagen, dass es bis Ende des Jahres dauert, bis alles wieder in Ordnung ist“, sagt sie. Hat ihr Mann ein Problem damit, dass sie momentan keinen Sex haben können? „Nein, er hat Zucker, damit hat er selbst genug zu tun“, sagt sie.

So gut wie früher

Dass es momentan nicht geht, stört sie schon. Denn der Sex hat sich nicht verändert. Ist mit fast 80 noch genauso gut wie früher. Das findet auch Herr Erhardt. „Natürlich ist ein 30-jähriger Po was anderes als ein 70- jähriger“, sagt Frau Schick. So ist es eben. Deshalb sagt Frau Schick: „Muss man das machen, was man kann, um attraktiv zu bleiben.“ Sich pflegen. Sich bewegen. Auf sich achtgeben. Frau Schick hat eine Tochter. „Wir stehen uns sehr nahe und telefonieren täglich“, sagt sie. Sprechen sie auch über Sexualität? „Nein“, sagt Frau Schick. Auch mit Freunden spricht sie nicht darüber. Herr Erhardt übrigens auch nicht. „Ist doch ein Tabuthema“, sagt sie. Sagt Herr Erhardt.

Frau Schmidt, 90: Die Zufriedene

„Frauen fällt das einfacher, ganz sicher. Die Natur hat das so eingerichtet“, sagt sie. Anders als Herr Erhardt, Frau Schick und Frau Niemann, lebt Frau Schmidt in einem Seniorenheim. Sie hat Parkinson. In ihrem Zimmer hat alles seinen Platz. Das Wichtigste muss von ihrem Sessel aus greifbar sein. Der Notfallknopf. Der Rollator. Der Hocker, den sie sich zum Mittagsschlaf heranzieht und die Decke, mit der sie sich zudeckt. Seit 1986 ist Frau Schmidt geschieden. Seitdem alleinstehend und ohne jemals wieder Sex gehabt zu haben. „Ich konnte plötzlich machen, was ich wollte“, sagt sie.

Frei auch ohne Sex

Eine Freiheit, die Frau Schmidt nie für eine neue Partnerschaft aufgeben wollte. „Und außerdem wollte ich keine fremde dreckige Unterwäsche mehr waschen“ sagt sie. Trotz ihrer Krankheit macht Frau Schmidt einen resoluten Eindruck. Verbal, nicht physisch. Frau Schmidt ist 90 Jahre alt und zierlich. Ein „Persönchen“ mit wachen blauen Augen. In ihrer Ehe hatte sie einige Probleme, die alle die gleiche Ursache hatten: Ihr Mann konnte nicht mit Geld umgehen. Streit. Misstrauen. Vorwürfe. Noch mehr Streit. Scheidung. Ein Klassiker.

Herr Müller, 74: Der Verliebte

Seine Frau ging in ihrem gemeinsamen Zuhause fremd. Daraufhin sagte Herr Müller zu seiner Frau, dass er kein Stundenhotel betreibe. Sie verließ ihn. Und er blieb zurück mit den Kindern. Dann war keine Zeit mehr für eine neue Partnerschaft. Herr Müller ist 74 Jahre alt. Auf seinen Sneakers steht mit Filzstift „KSC“. Er trägt eine Jogginghose und ein T-Shirt. Zwei Schlaganfälle hat er hinter sich. Parkinson im Anfangsstadium. Er zeigt seine leicht zitternden Hände. Ein Sexleben ist für ihn ganz weit weg. Das Interesse daran auch.

Lieber Motorradfahren

Wenn er wählen könnte zwischen Sex und Motorradfahren, er würde sich für den heißen Ofen auf zwei Rädern entscheiden. Wie Frau Schmidt lebt er im Seniorenheim. Sein Zimmer sieht aus wie das eines Teenagers. Die Wände sind zugepflastert mit Postern und selbstgemalten Bildern. Auf einem Regal stehen Pokale. Auf seinem Nachtisch ein Plastikbecher. So einer, wie Fußballfans ihn im Stadion in den Händen halten. Auf Herrn Müllers Becher steht „ I Love Jasmin“. Wer ist Jasmin? „Eine Freundin“. Sie haben eine Freundin? „Nein, also ja. Sie arbeitet hier“. Eine heimliche Liebe. Die nicht auf Gegenliebe stösst.

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