Die Pazifistin – eine inspirierende Pionierin

Die Pazifistin – eine inspirierende Pionierin
Missbrauch der Wissenschaft für Militärzwecke – Giftgasangriffe im 2. Weltkrieg (Bild: First Hand Films)
Gertrud Woker war Professorin, Frauenrechtlerin, Friedenskämpferin, Poetin. Der animierte Dokumentarfilm erzählt ihr Leben in atmosphärischen Collagen.

«Gleicher Lohn für gleiche Arbeit», – bereits 1917 forderte Gertrud Woker die Gleichberechtigung der Frauen. Sie war eine der ersten Professorinnen Europas und setzte sich beharrlich für die Frauen- und Friedensbewegung ein.

Durch ihre Forschung und internationale Kritik am Einsatz von Giftgasen geriet die Naturwissenschaftlerin bald in Konflikt mit der militaristisch motivierten Elite. Man versuchte sie mundtot zu machen, aber das gelang nicht.

Diskriminierung und Kriegstreibereien zum Trotz kämpfte sie unaufhaltsam bis ins hohe Alter für Frieden und Gerechtigkeit sowie gegen den Missbrauch der Wissenschaft. Als geisteskrank verleumdet, verbrachte sie die letzten Jahre ihres Lebens schliesslich in einer psychiatrischen Klinik. So verschwand sie zu Unrecht, aber vielleicht nicht zufällig, aus dem historischen Gedächtnis. 

Einer herausragenden Frau Geltung verschaffen
Als Jugendlicher verschlang Fabian Chiquet Romane über die Weltkriegs-Zeit, in denen es von Helden wimmelte, Frauen dagegen kaum eine Rolle spielten. Er fand es damals schon empörend, „wie wenig die Geschichte aus der Sicht von Frauen geschrieben wurde“. Heute trägt er mit seinem Film DIE PAZIFISTIN dazu bei, eine solch vergessene Geschichte wieder in die Öffentlichkeit zu tragen. 

Auf Spurensuche
Als Fabian Chiquet bei einem seiner künstlerischen Projekte auf Gertrud Woker stiess, war sein Interesse sofort geweckt. Zuerst konzipierte er eine Installation, die er in Basel zeigte. Das Engagement Gertrud Wokers inspirierte ihn aber so nachhaltig, dass er einen Film daraus machen wollte. Er fragte Matthias Affolter für eine Zusammenarbeit an und beide begannen mit ihrer intensiven Recherche.

Sie trafen Gertrud Wokers Neffen – die ihre Tante und ihr Wirken kaum kannten – , befragten die Historikerin Franziska Rogger zu ihr und arbeiteten sich ins Fernseh- und Rundfunkmaterial der Zeitgeschehnisse ein. 

Leider gab es von Frau Woker selbst weder Film- noch Tonaufnahmen, doch die Regisseure nutzten dies als Chance und fanden einen völlig neuartigen Umgang mit dem Archivmaterial.

Es entstand ein animierter Dokumentarfilm, der sich durch das zeitgeschichtliche Archivmaterial, Wissenschaftliche Berichte, Gertrud Wokers Schriften und Gedichte zu einer sphärischen Collage verdichtet. Für das Vertonen der persönlichen Texte konnten sie Dodo Hug gewinnen und so trägt ihre tiefe, klare Stimme durch den Film.

Mit Nachdruck und zeitlos
Das Erstaunliche an Gertrud Woker ist, dass sie immer noch aktuell ist. Sie war ihrer Zeit auf verschiedenen Gebieten voraus; forderte gleiche Rechte für Frauen, internationale Verständigung statt Nationalismus, Verantwortung der Wissenschaft und interdisziplinäres Denken.

Doch mit diesen humanistischen Forderungen stiess sie auf Ressentiment und grossen Widerstand. Viele Hindernisse wurden ihr in den Weg gelegt und das Thema „Was bin ich bereit, für meine Überzeugungen zu opfern?“ wurde zentral in ihrem Leben. Trotz der Rückschläge, Niederlagen und Anfeindungen blieb sie sie sich treu und führte ein Leben nach ihren eigenen Vorstellungen, blieb kämpferisch und produktiv bis an ihr Ende.

Das beeindruckte auch die Regisseure am meisten. „Gertrud Woker kämpfte für Veränderungen, ohne dabei ein messbares Resultat zu sehen. (…) Ihr Leben zeigt, dass es sich zu Kämpfen lohnt, auch wenn es aussichtslos scheint. Das macht sie zu einer zeitlosen Figur.“

Aus diesem Film können wir Inspiration schöpfen und uns wieder an die Frage erinnern, die für uns alle zentral ist: „Was heisst es Verantwortung für unser eigenes Leben zu übernehmen?“

DIE PAZIFISTIN hatte an den Solothurner Filmtage 2021 Premiere und wird Mitte September an den Brugger Dokumentarfilmtagen gezeigt.
Mehr Informationen zu DIE PAZIFISTIN finden Sie hier.

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