E-Bikes: Die Rentner-Drohnen sind los

Er machts ohne Strom. Bravo!
Fahrprüfung? Nö. Seh- oder Hörtest? Ach was. Zurechnungsfähigkeit? Egal. E-Bike-Fahren darf jeder, können tun es nur die wenigsten. Holt die Kinder von der Straße, warnt Achim Achilles auf «spiegel.de».

Sie kommen von hinten, lautlos, ohne das anmutige Klackern einer rostigen Kette, ohne klapperndes Schutzblech, ohne das Hecheln des Athleten. Plötzlich rollen sie gleichauf - Schreckmoment. Verächtlicher Seitenblick des Piloten, der in Superzeitlupe die Pedale streichelt als würde er irgendwas leisten. Einer dieser Typen, die ihren Kofferraumdeckel per Motor auf- und abfahren. Dann zügiges Überholen, kurz vor der Baustelle.

Das Pedelec und seine 45 km/h schnelle grosse Schwester haben den Radweg SUVisiert. Rollende Mensch-Batterie-Packen verdrängen einen seit mehr als 100 Jahren bewährten und lieb gewonnenen Verkehrsteilnehmer - den höflichen Radfahrer, der bereits unter Segways, Liege- und Lasträdern zu leiden hat. Dafür hat die deutsche Unfallchirurgie eine Sonderkonjunktur.

Früher hiessen die Dinger Velosolex und knatterten; heute surren sie elektrisch, dafür schneller. Der Retro-Radler bezieht sein Überlegenheitsgefühl aus der körperlichen Arbeit, der E-Radler verfügt nur über die geliehene Autorität des gespeicherten Braunkohlestroms, über die er bisweilen die Kontrolle verliert. Verschreckt hechten Fußgänger hinter Bushaltehäuschen und bestaunen sprachlos, wie das E-Bike die Baustellenabsperrung durchtrennt.

Es ist Mai. Die E-Bike-Saison hat begonnen, holt die Kinder rein. Die Rentner-Drohnen sind los, wobei der Begriff in die Irre führt, weil Drohnen meist präzise gesteuert werden.

E-Biken ist Nordic Walking auf Rädern. Menschen ziehen auf dem Weg zur Kohlenhydratmast im Ausflugscafé nun bunte Sachen an, schnallen einen Trinkrucksack um und glauben, dass sie sich bewegen, weil das graue Resthaar im Wind fusselt. Wie beim Walken aber bleibt der Puls konstant nahe der Nullinie. Dafür ist auf der Erlebnisebene richtig was los, zum Beispiel die Illusion von Sport und Fitness oder das Knarzen eines nahenden Rahmenbruchs oder die wohlige Wärme entflammender Batterien.

Beim Walker hatte es der Traditionsbeweger mit ruhenden Hindernissen zu tun; der E-Biker erweist sich jedes Frühjahr wieder als rollende Kanone. 59 E-Bike-Tote und fast 1200 Schwerverletzte zählte der Verkehrsclub ACE 2014 im deutschen Straßenverkehr. Das Risiko, sich mit dem E-Bike schwer zu verletzen, ist größer als beim klassischen Rad. Denn die Elektrischen sind schneller, schwerer und die Fahrer oft mit den Grundgesetzen der Physik überfordert, zumal sie häufig keine ehemaligen Radfahrer sind, sondern Neulinge im Cockpit der Straßentorpedos.

Nach einer Studie der deutschen Hochschule der Polizei ist der "Huiii-Faktor" schuld, also der Rausch der Geschwindigkeit, der selten hilfreich ist auf der Slalompiste Radweg.

Und es werden immer mehr. Jedes zehnte Rad hat inzwischen Elektroantrieb, 2014 wurden fast eine halbe Million verkauft. Über zwei Millionen dieser Bewegungssimulatoren sollen auf deutschen Straßen unterwegs sein, womit die Forderung der Kanzlerin nach einer Million Elektrofahrzeuge bis zum Jahre 2020 mehr als übererfüllt wäre. Leider ist das Verkehrswegenetz nicht mitgewachsen, die kollektive Bereitschaft zur Rücksicht schon gar nicht. So geht Konflikt.

Die meisten Unfälle geschehen im Mai und Juni. Logisch, da werden die Karren beim Rad-Discounter von der Palette weg verballert. Fahrprüfung? Nö. Seh- oder Hörtest? Ach was. Zurechnungsfähigkeit? Egal. Auf jeder Käsefolie muss vermerkt sein, dass Plastik nicht zum Verzehr geeignet ist. Aber eine Massenerschreckungswaffe wie das Elektrorad darf jeder Hobby-Hooligan erwerben, betreiben und fortan seine Machtphantasien im Telekom-Trikot ausleben soweit der Akku reicht. Brüssel, übernehmen Sie!

Wie fast immer ist das Problem ein mentales. Denn das Hybride des Fahrzeugs überträgt sich auf die Psyche des Piloten. Je nach Lage setzt er den selbstgerechten Ökoopferblick des Radfahrers auf oder aber das arrogante Motorengesicht des Tiefergelegten: auf dem Radweg der König, auf der Straße die schützenswerte Minderheit.

Grundsätzlich ist ja zu begrüssen, wenn bewegungseingeschränkte Menschen mobil sind. Aber vielleicht nicht gleich so fix. Und nicht ganz ohne Übung. Dieses Land hat so viel zu bieten, zum Beispiel unzählige Grossparkplätze in den besten Lagen. Da lässt sich doch wunderbar üben, anstatt nach ein paar Sturzbier im Gartenlokal eine Schneise des Grauens durch fremde Vorgärten zu pflügen.


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