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GESUNDHEIT

Das richtige Mass macht sicher

Passen Sie auf sich auf – das hilft Ihrem Körper am meisten.

Ängste gehören zum Alter – physische und seelische. Wer sich ihnen stellt, findet oft überraschende Lösungen, schreibt Rita Torcasso in der «Berner Zeitung».

Zu mehr Sicherheit kam Heidi Pabst über ihre Kinder. Nach einem Schenkelhalsbruch hatten sie ihr ein Notrufgerät des Roten Kreuzes im Haus eingerichtet, heute ist es ein mobiles Gerät mit GPS.

Die 84-Jährige aus Langenthal betont: "Es gibt mir die Sicherheit, im Notfall Hilfe zu erhalten." Dafür zahlt sie 70 Franken monatlich. Sie erklärt: "So kann ich unbedenklich auch im Wald laufen gehen, obwohl ich als Folge einer Krankheit einen etwas unsicheren Gang habe."

Einen Notfall gab es bisher nie. Drei Vertrauenspersonen aus der Nachbarschaft würden in diesem Fall benachrichtigt, dann der Rettungsdienst. Heidi Pabst sagt: "Dass man für den Notruf Vertrauen in andere haben muss, gibt zusätzlich Sicherheit."

Was macht alte Menschen sicher? Bettina Ugolini, Leiterin der Beratungsstelle Leben im Alter, sagt aus ihrer Erfahrung in der Beratung: "Das Gefühl von Sicherheit wird vor allem dadurch gestärkt, dass man selber noch etwas beitragen und ein Stück Autonomie behalten kann."

Die tiefgreifendste Unsicherheit löse das Nachlassen des Gedächtnisses aus. "Wichtig ist, sich solchen Ängsten zu stellen und sie nicht zu verdrängen, damit man die richtige Balance an Sicherheit und Autonomie finden kann."

Erste Priorität habe dabei immer, wie viel Sicherheit sich die betagte Person selber wünsche. "Unsicher macht oft, dass andere Menschen einem nichts mehr zutrauen."

Den Ruf nach immer mehr Sicherheitsmassnahmen betrachtet sie mit gemischten Gefühlen. "Denn diese können Bedrohungsängste auch verstärken." Der Obsan-Bericht von 2016 zur psychischen Gesundheit zeigt, dass ältere Menschen von der inneren Sicherheit her gute Karten haben.

Und 84 Prozent der über 65-Jährigen haben eine gute bis sehr gute Überzeugung, ihr Leben weitgehend selber bestimmen und gestalten zu können. Doch ein Viertel gibt an, sich gelegentlich einsam und niedergeschlagen zu fühlen.

Andreas Schmid leitet in der psychiatrischen Klinik Schützen in Rheinfelden AG die Abteilung Zweite Lebenshälfte. Für ihn sind die tragenden drei Säulen, damit man sich im Alter sicher fühlt, dass man psychisch, körperlich und zusammen mit anderen Menschen in Bewegung bleibt.

Umfragen zeigen, dass es keinen direkten Zusammenhang gibt zwischen mehr chronischen Krankheiten und Gebrechen im Alter und dem Gefühl, ein sinnvolles Leben mit positiven Beziehungen zu führen.

"Fast immer sind es abrupte Veränderungen und fehlende Einbindung, welche zu einer tiefen Verunsicherung bis hin zu Depressionen führen; am meisten gefährdet ist, wer sich als Opfer fühlt."

Anschaulich schildert Maria Rathgeb aus Uetikon ZH, wie erst ein grosser Schrecken sie dazu brachte, zum Ohrenspezialisten zu gehen. Die 79-Jährige sagt: "Dass ich jetzt wieder höre, hat mein Leben verwandelt."

Nach einem Herzinfarkt war sie lange Zeit krank. Wieder zu Hause, merkte sie zwar, dass sich das Gehör verschlechtert hatte, arrangierte sich aber irgendwie damit und ging kaum mehr aus dem Haus. "Ich handelte erst, als mich an der Haltestelle der Bus streifte, weil ich ihn nicht kommen hörte."

Das war vor zwei Jahren. "Mein eigenes Gehör betrug nur noch 30 Prozent, mit dem neuen Gerät hat sich die Lebensqualität um Welten verbessert, weil ich mich wieder sicher fühle", erklärt sie.

Sie geht wieder auswärts essen, trifft Freundinnen und machte einen Auffrischungskurs für Englisch, um mit einer Freundin nach Südengland zu reisen. Aus einem latenten Gefühl der Bedrohung oder Angst ohne klar benennbare Gründe kann sich ein Teufelskreis aus Verweigerung entwickeln.

Man will kein Risiko mehr eingehen und zieht sich zurück. Doch je gleichförmiger der Alltag verläuft und je weniger Kontakte man nach aussen hat, desto unsicherer machen tiefgreifendere Veränderungen wie der Tod von geliebten Menschen.

Konfuzius schrieb schon vor 2500 Jahren treffend: "Gefahr entsteht, wenn der Mensch sich in seiner Position sicher fühlt. Verderben droht dem, der versucht, einen Zustand zu erhalten. Durcheinander entsteht, wenn wir alles ordnen."

Lesen Sie den ganzen Artikel in der "Basler Zeitung".