FAHRTÜCHTIGKEIT

Ab in die Fahrschule

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Der mobile Pensionäre gibt den Schlüssel nicht ab - er geht in die Fahrschule.

Sie seien ein Verkehrshindernis, ein Gefahr für die anderen Automobilisten, heisst es über die Golden Agers. Das lassen sich die gestandenen Damen und Herren nicht bieten. Immer mehr Pensionäre frischen ihre Fahrkenntnisse auf, schreibt Lea Gnos in ihrer Reportage im «Blick».

Fahrschüler Martin Zahnd (85) aus Gstaad BE beschleunigt auf 80 Stundenkilometer. «Sie können ruhig etwas mehr aufs Gas», sagt der Fahrlehrer. Martin Zahnd hat seine Fahrprüfung vor 60 Jahren gemacht.

Im Fahrkurs vom Touring Club Schweiz (TCS) «Autofahren heute» will er seine Kenntnisse auffrischen. Zusammen mit elf anderen Teilnehmern. Gemeinsam sind sie 871 Jahre alt. Zahnd nimmt freiwillig am Kurs teil. «Aber die Hausärztin hat mir wegen meines hohen Alters nahegelegt, den Kurs zu besuchen», sagt der pensionierte Besitzer eines Jeansmode-Geschäfts.

Alle zwei Jahre benötigen über 70-Jährige eine Bestätigung vom Arzt für das Strassenverkehrsamt, dass sie noch fahrtüchtig sind. Immer mehr Rentner wollen ihre Fahrkenntnisse auffrischen. Der Halbtageskurs vom TCS wird in der ganzen Schweiz durchgeführt, ist sehr beliebt und ständig ausgebucht.

«Ein Grund ist, dass die Autofahrer immer älter werden, über ein Viertel der Autofahrer sind Senioren. Die wollen heute noch etwas erleben und nicht den ganzen Tag daheim rumsitzen», sagt Stefan Plüss (38), Schulungsleiter der TCS Sektion Bern. Im Schulungszentrum in Ittigen BE sollen die Unsicherheiten der Senioren beseitigt werden.

Am meisten beschäftigt sie das Thema Kreisverkehr. Die Senioren zeichnen auf einem Fragebogen ein, wie sie einen Kreisel befahren und wieder verlassen müssen. Für die, die nach diesem Kursnachmittag immer noch Mühe haben, bietet der TCS einen Extrakurs zum Thema Kreisverkehr an.

Dass gerade für ältere Menschen der Kreisverkehr Fragen aufwirft, ist verständlich: «Als ich mit 25 Jahren die Fahrprüfung machte, gab es noch keine Kreisel», so Zahnd. Aber auch Autobahnen habe er damals noch nicht gekannt. «Damals machte ich eine KV-Ausbildung in einer Autohandelsfirma, da hat mir mein Lehrmeister die Fahrstunden bezahlt. Früher war Autofahren noch ein Luxus», sagt er.

Martin Zahnd fährt trotz seines hohen Alters jeden Tag mit dem Auto. «Der Verkehr hat sich stark verändert, es wird heute viel mehr geblocht. Wenn man nicht genau 80 Kilometer pro Stunde fährt, wird man von einem Lastwagen überholt», sagt er. Die Senioren stellen im Theorieteil ihre Fragen gerade heraus: Darf man einen Traktor trotz Überholverbot überholen? Wie schnell darf ein Wohnwagen fahren?

«Ich bin da, weil ich die Bestätigung von einer neutralen Person will, dass ich noch gut fahren kann», sagt Remo Küttel (72). Oft habe er wegen seines Alters und weil er eher defensiv fahre mit Vorurteilen zu kämpfen: «Auf der Autobahn wird so gerast, wenn man sich an die Geschwindigkeit hält, kommt man sich vor wie ein Depp. Viele denken, die Alten, die 'tscheggets nüm'», so der ehemalige Bundesbeamte aus Ittigen.

Der Kurs sei gut fürs Selbstbewusstsein. «Danach gehe ich mit stolzer Brust hinaus», sagt er. Auch Kathrin Schönenberg (68) aus Münsingen BE ist freiwillig hier: «Zwei- bis dreimal im Monat fahre ich längere Strecken. Ich wollte wissen, wo ich mit meinem Wissen stehe. Beim Testfahren mit dem Instruktor habe ich gemerkt, dass ich den Blick in den Seitenspiegel vernachlässige», so die ehemalige Gastwirtin.

Auch der pensionierte Aussendienstler Max Duppenthaler (71) aus Münsingen BE fährt noch gerne Auto. «Ich finde, ab einem gewissen Alter sollte jeder einen solchen Kurs besuchen, es bringt mehr als die Untersuchung beim Arzt!», so Duppenthaler.

Rentner Otto Krajger (77) aus Bern gibt zu: «Meine Frau hat von mir verlangt, dass ich den Kurs mache. Sie wollte sonst nicht mehr bei mir mitfahren», sagt er. «Ich bin aber trotzdem froh, dass ich den Kurs gemacht habe, denn es ist alles so modern geworden im Strassenverkehr.»

Ältere Autofahrer haben häufig körperliche und geistige Einschränkungen: Schlechteres Seh- und Hörvermögen, geringere Merkfähigkeit, langsamere Reaktionen. Daneben ist ihre Beweglichkeit (z. B. Kopf drehen) oft eingeschränkt. Medikamente und Krankheiten stellen zusätzliche Risiken dar. Trotzdem verursachen Senioren nicht mehr Unfälle, weil sie vieles durch Erfahrung und Gelassenheit ausgleichen. An den meisten Unfällen sind laut Beratungsstelle für Unfallverhütung 20- bis 24-jährige Autofahrer schuld, die besonders riskant fahren.

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