MOBILITÄT

Wenn Autofahrer über 65 zur Gefahr werden

Erschreckende Zunahme bei den Zwischenfällen mit 50plus-Fahrern.

Die Zahl der Unfälle, die auf das Konto von Senioren gehen, steigt drastisch an. Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres waren es in Schleswig-Hollstein 1191. Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil.

Lunden im nördlichen Dithmarschen: Ein Autofahrer, der auf die 80 zugeht, verwechselt das Gaspedal mit der Bremse und rast durch das Schaufenster einer Bäckerei. Ein über 80-jähriger Kunde wird schwer verletzt, hält halbseitig gelähmt noch einige Monate in Klinik und Pflegeheim durch und stirbt.

Ein besonders krasses Beispiel, aber beileibe kein Einzelfall: Die Zahl der Verkehrsunfälle, die auf das Konto von Senioren gehen, steigt in Schleswig-Holstein stetig an. Im laufenden Jahr haben Autofahrer über 65 von Januar bis Ende Mai bereits 1191 Zusammenstöße verursacht.

Dabei gab es acht Tote, 140 schwer und 767 leicht Verletzte. Das geht aus einer Sonderauswertung des Landespolizeiamts für Schleswig-Holstein am Sonntag hervor. "Damit setzt sich die Tendenz aus den Vorjahren fort,", warnt der Verkehrssicherheits-Experte der Behörde, Ulrich Baschke.

Allein zwischen 2013 und 2014 ist die Zahl der von der Generation Silberhaar verschuldeten Karambolagen um bisher nie dagewesene 7,5 Prozent emporgeschossen. Von 2012 auf 2013 hatte der Sprung erst bei rund vier Prozent gelegen. Auch von den Folgen her war 2014 ein schwarzes Jahr: Die Zahl der bei den Senioren-Crashs Getöteten lag um 14 höher als 2013: 34 Verkehrsteilnehmer traf es.

Die Zahl der Schwerverletzten kletterte um deutliche 14,6 Prozent. Nach der Gruppe der ganz jungen Fahrer verursachen Senioren am meisten Unfälle. So steht es im Verkehrsunfallbericht der Landespolizei für 2014. Und der Abstand zwischen den Generationen schmilzt: Während die Alten öfter auffallen, stellen sich die Junioren vernünftiger an.

Die Zahl der von 18- bis 25-Jährigen verursachten Unfälle verringert sich laut Statistik seit Jahren, allein von 2013 auf 2014 um 5,4 Prozent auf 3159. Die Zahl der Todesopfer sank um zwei auf 19. Es ist amtlich, dass die Schere weiter auseinandergehen wird. "Durch die demografische Entwicklung steigt die Zahl älterer Verkehrsteilnehmer.

Dadurch erhöht sich auch ihre Beteiligung an Verkehrsunfällen", heißt es im Unfallbericht. Baschke nennt einen weiteren Grund: In die Jahre kommt jetzt die erste Generation, bei der auch die Frauen standardmäßig einen Führerschein besitzen. Reagiert haben bereits die meisten Kfz-Versicherungen: Im Herbst 2012 haben etliche von ihnen die Prämien für alte Autofahrer erhöht - um 60, 80, 90 oder gar 100 Prozent.

"Je älter die Menschen werden, desto kleiner fällt ihr Aktionsradius aus", betont Baschke. Die fehlende Beweglichkeit beim Schulterblick erweise sich oft als Knackpunkt. Typische Verstöße betagter Autofahrer seien das Verletzen der Vorfahrt oder Fehler beim Wenden beziehungsweise Rückwärtsfahren.

Experten sind sich einig, dass Mitt- und Endsechziger zwar kaum eingeschränkt sind, es für Über-75-Jährige in komplexen Situationen aber leicht kritisch werden kann. Weil man zumal auf dem Lande ohne Auto gewohnte Mobilität abgäbe, verzichtet kaum einer freiwillig aufs Fahren. Die Führerscheinstelle von Schleswig-Holsteins größtem Kreis Rendsburg-Eckernförde erreichen durchschnittlich jede Woche zehn Hinweise auf ältere Personen, bei denen die Fahrtauglichkeit angezweifelt wird.

Die Tipps kommen entweder von der Polizei, wenn die Betroffenen ihr aufgefallen sind, von zweifelnden Familienmitgliedern oder Nachbarn. In 60 Prozent der Fälle sind diese Hinweise nach Angaben von Kreissprecher Martin Schmedtje so konkret, dass tatsächlich eine medizinisch-psychologische Untersuchung stattfindet.

In wiederum 60 Prozent dieser Fälle müssen die Überprüften den Lappen abgeben. Während die Rendsburger zu Anstiegen keine Angaben machen, vermeldet die Stadt Lübeck gleich eine Verdopplung innerhalb von drei Jahren: Statt bei 33 Personen 2012 wurde 2014 bei 62 die Fahrerlaubnis einkassiert.

An eine Pflicht zur regelmäßigen Überprüfung der Fahrtauglichkeit, wie es sie ab 75 Jahren etwa in der Schweiz, Frankreich oder Dänemark gibt, hat sich die deutsche Politik mit Blick auf den Anteil der Senioren an der Wählerschaft noch niemand herangetraut. Auch Hans-Jürgen Feldhusen, Vorstandsmitglied des ADAC Schleswig-Holstein, lehnt dies ab: "Nachlassende Seh-, Hör- oder Reaktionsfähigkeit sind nicht an ein bestimmtes Alter gekoppelt; die Entwicklung verläuft bei jedem Menschen ganz individuell. Welches Alter also soll man festlegen?"

Auch glaubt Feldhusen, dass es eine entsprechende Regelung wegen des Verbots von Diskriminierung schwer hätte. Der ADAC-Mann sieht Kinder, Freunde und Ärzte in der Pflicht, Betagte zur Zurückhaltung beim Autofahren zu sensibilisieren, wenn sie nachlassende Seh-, Hör- oder Reaktionsfähigkeit bemerken.

Zudem wirbt der ADAC dafür, sich freiwillig bei einem "FahrFitnessCheck" abklopfen zu lassen (Informationen und Termine unter 0431/6602128): Der besteht aus einem Vorgespräch und einer 45-minütigen Fahrt im eigenen Auto mit Fahrlehrer. Anschließend wird das Fahrverhalten auf mögliche Defizite analysiert.

Die Daten werden nicht weitergegeben. 70 Senioren haben 2014 mitgemacht. Die Polizei und der Rat für Kriminalitätsverhütung haben seit letztem Jahr 80 sogenannte "Sicherheitsberater für Senioren (SfS)" ausgebildet. Das sind ältere, in Ehrenämtern erfahrene Leute, die ihre Altersgenossen bei Veranstaltungen für Gefahren durch nachlassende Fahrtauglichkeit sensibilisieren.

Etwa bei Versammlungen verschiedenster Vereine. "Wenn ein Senior einem Senioren gegenübertritt, hat das eine besondere Glaubwürdigkeit", erklärt Koordinator Stephan Steffen die Idee. Der Clou: Die Sicherheitsberater behandeln das Thema Fahrvermögen im Huckepackverfahren mit Tipps, auf die Senioren neugieriger sind. Das sind etwa Vorbeugung gegen Einbrüche oder Überfälle auf offener Straße. "Das Thema Straßenverkehr wird dann bei dieser Gelegenheit mitverkauft", erklärt Steffen. "So kriegen wir es eher an den Mann."