Der Auszug der Senioren auf Land

Grossstädte 50plus, Wohnen 50plus
Trend bei den 50plus: Sie zieht es von der grossen Metropole in die Kleinstädte.
Menschen über 60 zieht es vor allem in Kleinstädte mit attraktivem Kulturangebot, schreibt Richard Haimann auf "welt.de".

Schrumpfende Bevölkerungszahlen, steigende Wohnungsleerstände - die Probleme seiner Kollegen in zahlreichen anderen klein- und mittelgrossen Städten Deutschlands kennt Weimars Oberbürgermeister Stefan Wolf nicht. Der 52-Jährige hat andere Sorgen: "Wir sind eine wachsende Stadt, wir müssen hier aktiv Wohnraum schaffen."

Seit 20 Jahren steigt die Zahl der Einwohner in der einstigen Residenzstadt. Lebten 1993 noch rund 58.800 Menschen in Weimar, sind es heute fast 65.400. Bei näherem Hinsehen überrascht allerdings, wer dorthin zieht: Es sind Senioren aus dem Bildungsbürgertum.

Rentner aus Berlin, Dortmund, Hamburg, München und Stuttgart wollen ihren Lebensabend dort verbringen, wo einst Goethe, Herder und Schiller wirkten und wo der Architekt Walter Gropius mit seiner Bauhausbewegung Kunst, Design und Architektur revolutionierte.

In einer zweiten Welle sind die Nachzügler unterwegs. "Es kommen auch immer mehr jüngere Familien nach Weimar", sagt Verwaltungssprecher Andy Faupel. Denn mit den Senioren sind neue Arbeitsplätze entstanden. Einzelhändlerverzeichnen steigende Umsätze, Banken wachsende Einlagen, Autohändler höhere Absätze.

Die Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft Weimar lässt gerade etliche Einheiten zu Vier-Zimmer-Wohnungen zusammenlegen. Denn es werden auch wieder mehr Kinder geboren. "Wir reagieren auf die wachsende Nachfrage durch junge Familien", sagt Vorstandschefin Yvonne Helmbold. Immobilienforscher sehen die Kulturstadt als Vorreiter in einem neuen Trend, der in den kommenden zwei Jahrzehnten die Wohnungsmärkte in Deutschlandnachhaltig verändern wird.

"Die Metropolen werden immer mehr ältere Mitbürger an kleinere Städte mit attraktivem Kulturangebot und hohem Freizeitwert verlieren", sagt Tobias Just, Demografie-Experte und wissenschaftlicher Leiter der IREBS Immobilienakademie der Universität Regensburg.

"Wir stehen am Beginn einer massiven neuen Wanderungsbewegung, deren Auswirkungen von Investoren und Stadtplanern bislang vollkommen unterschätzt werden", sagt Thomas Beyerle, Chefresearcher der Immobiliengesellschaft IVG. "Denn den Senioren werden bald darauf auch jüngere Menschen folgen, weil das Angebot an Arbeitsplätzen in diesen Städten deutlich wachsen wird."

Von dieser Entwicklung würden in den kommenden zwei Jahrzehnten jene kleineren Kommunen profitieren, die in landschaftlich schönen Regionen liegen oder mit einem opulenten Kulturangebot glänzen, sagt Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum.

"Die Angehörigen der kommenden Rentnergenerationen sind gesund, aktiv und wollen ihren Ruhestand in Orten mit einem hohen Erlebniswert verbringen." Bergsteigen, Mountainbiken, Segeln, Skifahren und Wandern sowie Theaterabende, Literaturlesungen und Museumsexkursionen zählten zu den begehrtesten Freizeitaktivitäten der heute 50- bis 70-Jährigen, sagt Beyerle.

"Kleinere Städte im deutschen Alpenraum, an Nord- und Ostseeküste, in den Mittelgebirgen und Kulturstädte wie Weimar werden die Gewinner dieses Trends sein." Diese Entwicklung habe gerade erst begonnen. "Sie wird aber bald massiv an Dynamik gewinnen, weil mit den Babyboomern die zahlenmässig größte Rentnergeneration in der deutschen Geschichte in den kommenden Jahren in den Ruhestand geht", sagt der Researcher.

Auch, weil die kleineren Städte noch andere Vorteile bieten: "Lebenshaltungskosten, Mieten und Immobilienpreise sind deutlich niedriger als in den Ballungszentren", sagt Beyerle.

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