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LEBEN

Basler Senioren fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen

Abfall 50plus, Kehrichtsack 50plus, Spitex

Gehts nach nach Basler Behörden, dürfen sie ihren Abfall nicht mehr vor die Haustüre stellen.

Basel will als erste Schweizer Stadt die Kehrichtabfuhr durch einen Sammelcontainer ersetzen. Das stösst bei den älteren Stadtbewohnern auf Missfallen. Sie fühlen sich von den Behörden vergessen, schreibt Moritz Kaufmann in der “Basler Zeitung”.

An der Basler Fasnacht war das Baudepartement Sujet Nummer eins. Über kaum etwas nervten sich die Baslerinnen und Basler so sehr wie über die vielen öffentlichen Baustellen. Eine Woche später präsentiert das Baudepartement bereits das nächste Grossprojekt, welches in der Stadt für Ärger sorgen dürfte.

In Zukunft soll nicht der Müllmann vorbeikommen, um den Bebbi-Sagg mitzunehmen. Die blauen Säcke sollen stattdessen von den Verursachern selbst zu einem der geplanten 660 Container getragen werden. Diese Nachricht stösst die Senioren in der Stadt vor den Kopf. "Man hat die älteren Leute vergessen", reklamiert Valérie Hinners, Co-Präsidentin der Grauen Panther Nordwestschweiz.

Vor vier Jahren, als die Idee eines flächendeckenden Containersystems aufkam, suchte sie das Gespräch mit den Behörden. Der damalige Leiter der Basler Stadtreinigung schrieb ihr: "Im Moment sammeln wir unsere Erkenntnisse. Diese werden wir ihnen im Sinne eines Dialogs zukommen lassen." Das passierte jedoch nie.

"Wir sind davon ausgegangen, dass die Sache vom Tisch ist", sagt Hinners, "und jetzt werden die Container mit einem Paukenschlag eingeführt". Sie fühlt sich entsprechend "verseggled". Für Hinners ist klar: Das neue Konzept wird vielen Älteren - aber auch Jüngeren mit Gehproblemen - das Leben erschweren.

"Der Kanton sagt, dass wer einkaufen könne, auch einen Abfallsack zur Entsorgungsstelle tragen kann." Doch das stimme nicht. "Ein Brot und eine Butter kann man sich gut an die Krücke hängen", erklärt Hinners. Ein voller Abfallsack sei dafür zu schwer. Hinners fordert deshalb, dass es für ältere Leute auch in Zukunft möglich sein soll, dass der Abfall zu Hause vor der Haustür abgeholt wird.

Ansonsten müssten die Grauen Panther prüfen, ob man politisch aktiv werden soll. Einigermassen erstaunt reagiert hat man auch beim Basler Heimatschutz auf die Pläne des Kantons. Die unterirdischen Container werden in den kommenden Jahren nämlich zu hunderten neuen Baustellen in der Stadt führen.

Ziel des Kantons ist es, dass man nie weiter als 100 Meter laufen muss, um den Bebbi-Sagg zu entsorgen. "Wie soll das beispielsweise auf dem Münsterplatz aussehen?", fragt Robert Schiess, Präsident des Basler Heimatschutzes. Noch wisse er zu wenig über die Pläne des Kantons. Schiess kündet aber an, sich die Pläne genau anzuschauen und nötigenfalls Einsprache gegen die neuen Abfall-Container zu erheben.

Beim Kanton reagiert man gelassen auf diese Bedenken. "Wir halten 100 Meter Laufdistanz für zumutbar", erklärt André Frauchiger, Sprecher des Basler Tiefbauamts. Eine spezielle Abfallabfuhr für Senioren und Behinderte sei nicht vorgesehen. Auch werde man "selbstverständlich" denkmalschützerische Aspekte berücksichtigen.

Dank der Container würden in Zukunft dafür "keine wüsten Abfall-Säcke mehr auf der Strasse liegen". Frauchiger hatte gestern viele Telefonate von besorgten Bürgern zum neuen Konzept zu beantworten. "Das ist immer so, wenn man etwas flächendeckend einführt", sagt er. Erst muss das neue Konzept aber noch durch den Grossen Rat, welcher die Investition von 26,5 Millionen Franken genehmigen muss.

Auch dort dürften hitzige Debatten bevorstehen. "Für mich ist dieses Konzept nicht kundenfreundlich", sagt etwa GLP-Grossrat Emmanuel Ullmann. In einer Dienstleistungsgesellschaft erwarte der Bürger, dass er den Abfall möglichst bequem - eben vor der eigenen Haustüre - entsorgen könne.

Zudem teilt Ullmann die Bedenken der älteren Leute. "Wird das so umgesetzt, hat die Spitex ein neues Betätigungsfeld." Seniorin Hinners hat selbst Probleme mit den Knien. "Bei schweren Lasten tut es weh", sagt sie, die die Vorteile des neuen Konzepts - Abfall rund um die Uhr entsorgen, keine Bebbi-Säcke auf den Strassen, insgesamt weniger hohe Kosten - durchaus anerkennt.

Sie sagt aber: "Beamte vergessen, dass sie selber auch mal alt werden."