50PLUS – WOHNEN

Wenn Studenten mit Senioren eine WG gründen

Win-win-Situation: Gemeinsame WG.

In Zürich ein Erfolg: Studierende ziehen bei Betagten ein und wohnen im Tausch gegen Hausarbeit günstig. In Bern hält sich die Begeisterung noch in Grenzen, schreibt Sophie Reinhardt auf «derbund.ch».

Ein neues Projekt soll Jung und Alt zusammenbringen. Das Prinzip ist einfach: Studenten wohnen bei älteren Menschen, die freie Zimmer in ihrer Wohnung oder in ihrem Haus haben, weil die eigenen Kinder ausgezogen sind oder sie alleinstehend sind.

Als Gegenleistung für das Zimmer bezahlen die Studis nicht eine klassische Miete, sondern helfen im Haushalt mit. Sie gehen einkaufen, kochen, putzen oder mähen den Rasen. Pro Quadratmeter Zimmerfläche soll eine Arbeitsstunde pro Monat geleistet werden.

Das Projekt nennt sich "Wohnen für Hilfe" und wurde von der StudentInnenschaft der Universität Bern (SUB) ins Leben gerufen. Seit Anfang Jahr können Senioren auf der Homepage der SUB gratis ein Zimmer ausschreiben.

Durch das Angebot kämen zum einen Studierende zu günstigem Wohnraum, teilt die SUB auf Anfrage mit. Zum anderen würden ältere Menschen in ihrem Bestreben unterstützt, selbstständig zu bleiben. Auch werde der sozialen Isolation von Betagten entgegengewirkt.

Bereits 2013 hatte der SP-Stadtrat Rithy Chheng in einer Motion eine städtische Vermittlungsstelle für das Projekt gefordert. In seiner Antwort auf den Vorstoss schrieb der Berner Gemeinderat daraufhin, dass die Schaffung einer solchen Stelle zu teuer sei.

Die Kosten wurden auf über 50'000 Franken pro Jahr geschätzt. Die städtische Direktion für Bildung, Soziales und Sport (BSS) hatte vorgängig 177 Berner Senioren und Seniorinnen einen Fragebogen zukommen lassen, um die Akzeptanz des Projekts zu prüfen.

"Die Auswertung ergab, dass viele dem Projekt positiv gegenüberstehen", sagt Evelyn Hunziker, stellvertretende Leiterin Kompetenzzentrum Alter. "Dennoch konnten sich nur wenige Senioren vorstellen, einen Studenten aufzunehmen." Das Hauptargument gegen die Aufnahme von Studenten: zu kleine Wohnungen.

Tatsächlich leben in der Stadt Bern 76 Prozent der über 70-jährigen alleinstehenden Personen und 55 Prozent der gleichaltrigen Ehepaare in Wohnungen mit maximal drei Zimmern. Das Modell "Wohnen für Hilfe" ist in deutschen Uni-Städten entstanden. In Zürich läuft es unter Federführung von Pro Senectute Kanton Zürich seit 2009.

Seither wurden 80 Mehrgenerationen- Wohngemeinschaften gegründet. Man müsse diese Form der Wohnform als eine unter vielen verstehen, sagt Annelene Paul, Koordinatorin der Zürcher Kontaktstelle. Die Stelle würde von den Senioren und den jungen Leuten geschätzt, sagt Paul.

"Interessierte Menschen werden von uns persönlich beraten." Entsprechend der Gespräche suche man nach geeigneten Wohnpartnern und stehe bei der Ausgestaltung der schriftlichen Vereinbarungen oder Konflikten zur Seite. In Bern ist die Situation anders: Pro Senectute Bern will nicht Projektpartner von "Wohnen für Hilfe" werden.

"Ich finde das Projekt durchaus eine Bereicherung." Nur gebe es dafür eine zu kleine Zielgruppe in der Stadt Bern. Die hohen Betriebskosten für eine Vermittlungsstelle liessen sich nicht rechtfertigen. Die von der SUB bereitgestellte Homepage reiche durchaus, sagt sie. Ob das Berner Angebot bereits genutzt wird, kann die SUB derzeit noch nicht sagen.

"Zu diesem Zeitpunkt noch keine Einschätzung des Ausmasses des Projektes möglich", teilt sie mit. Das Potenzial sei aber gross. Gelassen gibt sich der Motionär Rithy Chheng: "Ich bin mit der Antwort des Gemeinderats zufrieden", sagt er. Er sehe, dass sich etwas in der Sache bewegt habe und ins Rollen komme.

Ausserdem habe die Stadt einen symbolischen Beitrag von 3000 Franken an Inserate und den Druck von Flyern gesprochen. Er sehe das Engagement von Stadt und SUB als das "bestmögliche", um "etwas zu bewegen".