Premium Partner

MEDIZIN

Ist innere Uhr an Depressionen und bipolaren Störungen schuld?


Inaktivität am Tag steigert das Risiko für Depressionen.

In einer Beobachtungsstudie mit mehr als 91'000 Menschen haben Forscher der University of Glasgow Korrelationen zwischen zirkadianem Rhythmus und Gemütsstörungen gefunden.

Zu Störungen des Tag-Nacht-Rhythmus kommt es beispielsweise aufgrund von erhöhter Aktivität während nächtlichen Ruhephasen und Inaktivität am Tag. Veränderte sich bei den Studienteilnehmern dieser Rhythmus, veränderte sich gleichzeitig auch ihre Gemütslage und ihr Wohlbefinden.

Ob dabei gestörte Ruhe-Aktivitäts-Muster Ursache oder Resultat eines schlechten Wohlbefindens sind, kann die Studie jedoch nicht beantworten. Um methodische Probleme früherer Studien zu verhindern, analysierten die Forscher nur die Daten von jenen Probanden aus der britischen Biobank, die an einer objektiven Aktivitätsmessung teilgenommen hatten.

Ihre Aktivität war mittels eines Beschleu­nigungs­sensors am Handgelenk über 7 Tage aufgezeichnet worden. Diese Informa­tionen verknüpften die Forscher mit Fragebögen zur psychischen Gesundheit. Zirkadiane Rhythmen steuern physiologische und Verhaltensfunktionen, wie etwa Körpertemperatur und Essgewohnheiten.

Das interne Zeitmesssystem des Gehirns nimmt Veränderungen der Umwelt vorweg und passt sich der jeweiligen Tageszeit an. Es hat sich gezeigt, dass die Unterbrechung dieser Rhythmen die menschliche Gesundheit stark beeinflusst. Krankheitsrisiken, die aus zirkadianer Störung resultieren, wurden in den Gehirn-, Pankreas- und Stresssystemen identifiziert.

Die Forscher fanden heraus, dass Aktivität während der Ruhezeiten und/oder Inaktivität am Tag mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit einherging, eine Depression oder bipolare Störung zu entwickeln (adjustierte Odds Ratio: 1,06 beziehungsweise 1,11).

Der Beschleunigungssensor hatte in diesem Fall eine niedrige relative Amplitude gemessen (n = 3.477). Zudem korrelierte ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus mit grösserer Stimmungsinstabilität, höheren Neurotizismuswerten und subjektiver Einsamkeit.

Die Teilnehmer mit einer niedrigen relativen Amplitude waren unzufriedener mit ihrer Gesundheit und benötigten längere Reaktionszeiten, was ein indirektes Mass für kognitive Funktion darstellt. Die Ergebnisse hatten auch nach Anpassung an eine Vielzahl von Einfluss­faktoren Bestand: Alter, Geschlecht, Lebensstil, Bildung, Body Mass Index und Kindheitstrauma.

Methodische Einschränkungen

"Unsere Befunde verstärken die Annahme, dass Stimmungsstörungen mit gestörten zirkadianen Rhythmen verbunden sind," sagt Erstautorin Laura Lyall von der University of Glasgow. Dabei konnte zudem gezeigt werden, dass veränderte Ruhe-Aktivitäts-Muster mit schlechterem Wohlbefinden und kognitiven Fähigkeiten verbunden sind.

Ein kausaler Zusammenhang lässt sich laut der Autoren auch aufgrund methodischer Einschränkungen nicht schlussfolgern. Denn die korrelierenden Daten wurden zu verschiedenen Zeitpunkten erfasst: demografische und Lebensstildaten (2006 bis 2010), Beschleunigungsdaten (2013 bis 2014) und Informationen aus dem Fragebogen zur psychischen Gesundheit (2016 bis 2017).

Die Ergebnisse wurden in The Lancet Psychiatry veröffentlicht. Ein weiterer methodischer Nachteil war das hohe Durchschnittsalter der Teilnehmer von 62 Jahren. Denn 75 % aller psychischen Störungen beginnen bereits vor dem 24. Lebensjahr.

Auch die innere Uhr unterliegt während der Adoleszenz entwicklungs­bedingten Veränderungen, was in dieser Studie nicht berücksichtigt wurde. Die Assoziationen zwischen zirkadianer Rhythmik und psychischer Gesundheit und Wohlbefinden in jüngeren Altersgruppen könnte daher anders sein als bei älteren Menschen, geben die Autoren zu bedenken.

Frühere Forschungen konnten bereits Zusammenhänge zwischen einer Störung der inneren Uhr und schlechter psychischer Gesundheit identifizieren. Die Ergebnisse beruhten jedoch in der Regel auf kleineren Teilnehmerzahlen, die subjektiv Selbstangaben zu ihren Ruhe-Aktivitäts-Mustern gemacht hatten.

Potenzielle Störfaktoren wurden nicht immer konsequent berücksichtigt.

Lesen Sie den ganzen Artikel im «Ärzteblatt». 


WERBUNG

WERBUNG

WERBUNG