Mit dem Reisebus ins Baltikum

Stundenlange Fahrten und ein durchorganisiertes Sightseeing-Programm: Busferien sind anstrengend, zugleich aber auch entspannend.
Mit dem Reisebus ins Baltikum
Immer etwas zu erzählen, immer gut betreut: viele 50plus lieben Busreisen.

Dies zeigt eine dreizehntägige Rundreise durch die baltischen Staaten, schreibt Erna Jonsdottir in der «Berner Zeitung».

Viele Wege führen nach Warschau: Seit knapp zwei Tagen sind die "Fahrer" im Reisebus unterwegs. Während sie bereits eine Nacht in Dresden verbracht haben und nun in Richtung Polen gefahren werden, treffen die "Flieger" am Flughafen in Zürich ein.

Nach einem kurzen Flug werden sie von Reiseleiter Pawel am Chopin-Airport der polnischen Hauptstadt abgeholt. Sportlich gekleidet und voller Motivation ziehen sie ihre Koffer hinter sich her. Sogleich wird klar: Es ist kein Vorurteil - Busrundfahrten gehören eindeutig in die Kategorie Ü-60, was die Fahrgäste selber bestätigen.

Der sarkastische Pole

Der Pole Mitte dreissig gefällt den fidelen Senioren auf Anhieb. Denn er hat nicht nur ein grosses Wissen: Pawel ist unterhaltsam und hat einen schwarzen Humor, mit welchem er seine Schäfchen auf der kurzen Fahrt zum Hotel zum Lachen bringt. Das ist Gold wert, sind die Distanzen zwischen den angefahrenen Städten teilweise doch ziemlich lang und anstrengend.

"Schauen Sie sich das Gebäude auf der rechten Seite an. Es ist quadratisch-praktisch-gut. Wer hat es uns wohl geschenkt?", fragt der Pole in einem sarkastischen Ton. "Stalin", sind sich alle einig. "Ja genau, für den Bau hat er uns 300 Arbeiter zur Verfügung gestellt, bezahlen durften wir ihn jedoch selber. Solche Geschenke werden wir nie wieder annehmen", fügt er hinzu und schmunzelt schelmisch.

Kaum haben wir im Hotel eingecheckt, geht es gleich weiter - so verläuft dann auch die Reise die nächsten Tage, richtig Freizeit gibt es erst in Riga. Bis dorthin ist das Programm mit den Fahrten, den Stadtrundgängen und den Stopps bei Sehenswürdigkeiten ziemlich dicht.

"Wir sind ja nicht zum Spass hier, wir wollen etwas erleben", sagt ein Fahrgast auf dem Weg zum kostenlosen Chopin-Konzert im Lazienki-Park. Was viele nicht wissen: Frédéric Chopin war ein Pole französischer Abstammung und nicht umgekehrt. Die Spannung steigt an, als sich "Fahrer" und "Flieger" am nächsten Morgen im Bus zum ersten Mal so richtig zu Gesicht bekommen.

"Könnte ja sein, dass wir jemanden kennen", ist zu vernehmen. Das wäre wohl kein Wunder, denn nebst einem einzigen Neuling sind alle anderen Gäste Wiederholungstäter und haben, wie es sich gehört, ein ­anständiges Schlafkissen dabei.

Ein offensichtlich eingespieltes Team sind Pawel und Markus Zeller, Fahrer des Deluxe-Busses. "Jedes Mal, wenn ich nach Polen komme, hat Pawel ein Kind mehr", lässt Zeller durchs Mikrofon verlauten und lacht. Zeller fährt seit 45 Jahren Reisebusse durch ganz Europa.

Hochzeiten und Todesfälle

Der 65-Jährige hat in seinem Leben als Fahrer eine Menge erlebt - von Menschen, die sich kennen gelernt und geheiratet haben, bis hin zu drei Menschen, die in ­seinen Armen verstorben sind. Für kurze Zeit wird er etwas traurig, doch dann schwenkt er auf seine positiven Erlebnisse und gibt gleich Tipps für Anfänger.

"Erstens sollten Gäste gut aufpassen, wo sie hinschauen. Leider gibt es viele Stolperverletzungen." Zweitens sei es von Vorteil, gutes Schuhwerk und eine wasserdichte Windjacke dabeizuhaben. "Drittens sollten alle gut auf ihre Wertsachen aufpassen."

Anzuraten sei zudem, notwendige Medikamente dabeizuhaben.

Keine Langeweile?

Inzwischen haben sich die Fahrgäste im Bus eingerichtet, sitzen in den bequemen Ledersitzen und warten auf den Startschuss. Dann geht es los via Masuren in Richtung baltische Staaten. Eine der Etappen dauert rund zwölf Stunden.

Wird es da den Reisegästen nie langweilig?, drängt sich die Frage auf. "Nein", sind sich alle einig. Im Gegenteil: "Busrundreisen sind einerseits anstrengend, anderseits sind sie auch sehr entspannend. Wir müssen uns um nichts kümmern, können uns hinsetzen und werden her­umchauffiert", betont ein Fahrgast, der diese Art zu reisen vor 12 Jahren mit seiner Frau entdeckt hat.

"Wir sind nicht hier, um uns zu erholen", fügt er an. Sitzleder sei zwar von Vorteil, doch fit müsse man trotzdem sein.

Niemand bleibt allein

Wenn Pawel nicht gerade informiert, Geschichten aus dem Leben erzählt oder singt, wird im Bus entweder geschlafen, gelesen oder leise miteinander gesprochen. Interessant zu beobachten ist, dass sich die Stimmung an Bord des Reisebusses von Tag zu Tag anhebt. Innert kürzester Zeit haben die Fahrgäste zueinandergefunden. Abends sitzen sie gemütlich bei Tisch und reden über Gott und die Welt. Danach gehen sie gemeinsam für einen Schlummertrunk an die Bar. Niemand bleibt allein, auch diejenigen nicht, die allein gekommen sind. Es ist offensichtlich: Auf Bus­reisen entstehen langjährige Freundschaften und Ideen für neue Feriendestinationen. Langeweile gibt es offenbar keine, und erholen tun sich die reisefreudigen Seniorinnen und Senioren lieber zu Hause.


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