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50PLUS – HOMOSEXUALITÄT

Schwule 50plus pflegen – so macht es München


Für schwule 50plus gibt es noch immer zu wenige Lösungen im Alter.

Schwule auf eine Insel schicken? Die Vorschläge wurden nie umgesetzt, zeigen aber, wie repressiv Münchens Schwulen-Politik noch in den 80ern war. Heute leistet die Stadt Pionierarbeit bei der Pflege, schreibt Ruth van Doornik in der «Welt».

Eine Heerschar von Engelsfigürchen blickt in Martin Zwickls Zimmer von den Regalen. "Das sind meine Glücksbringer", sagt der 55-Jährige. In der Küche der 250 Quadratmeter großen Wohnung in der Münchner Lindwurmstraße duftet es nach Kaffee.

"Unser Mafiosi", wie Zwickl seinen sizilianischen Mitbewohner Enzo Papaleo scherzhaft nennt, hat ihn gerade aufgebrüht. "Enzo ist der Koch hier. Ich darf höchstens Mal eine Zwiebel schneiden", sagt Zwickl und lacht.

An der Wand hängt ein Putzplan, und wegen dem gibt es Stress. "Jeder hier hat seine eigene Macke", sagt der 65-jährige Papaleo. Der ganz normale WG-Alltag eben - beinahe. Denn die Herren leben in der "rosaAlternative", Bayerns einziger Wohngemeinschaft für ältere Schwule.

An vielen Orten ist Schwulsein immer noch ein Thema

Das Projekt der Münchner Aidshilfe, in denen Homosexuelle ab 50 mit und ohne HIV selbstständig leben, aber wenn nötig auch Pflegeleistungen bekommen, wird viel gelobt. Und die sechs Bewohner, die bei jedem Neueinzug mitentscheiden, schätzen sich glücklich, unter Menschen zu sein, die ähnlich ticken.

Wo Schwulsein kein Thema ist. "Hier sind sie nicht alleine, an die Szene angebunden, und niemand stört sich daran, wenn eine Bekanntschaft über Nacht bleibt, sagt Diana Zambelli, Leiterin der Beratungsstelle "rosaAlter".

Zwickl ist für einen Platz sogar extra vom liberalen Berlin an die Isar gezogen. Trotzdem findet die Vorbild-WG kaum Nachahmer.

Noch schlechter sieht es beim Blick in die Alten- und Pflegeheime aus. In ganz Deutschland lassen sich die Häuser, die sich aktiv an homosexuelle Bewohner richten und auf ihre Bedürfnisse eingehen, an einer Hand abzählen. Dabei ist der Bedarf gross.

Man will sich im Alter nicht wieder verstecken müssen

Allein in München sind nach Schätzung von Andreas Unterforsthuber von der städtischen Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen fast 6500 Homosexuelle 75 Jahre und älter.

Eine Umfrage seines Hauses in der Szene ergab bereits vor mehr als einem Jahrzehnt, dass sich 95 Prozent der rund 250 Befragten Altenhilfeeinrichtungen wünschen, in denen sie offen als Schwuler oder Lesbe das Angebot nutzen können.

Aber nur zehn Prozent glauben, dass die Einrichtungen im Umgang mit Homosexuellen überhaupt kompetent sind. Vielmehr fürchten Dreiviertel aller Befragten Ausgrenzung und Benachteiligung.

"Wer sein Leben lang offen schwul gelebt, und sich diese Freiheit hart erkämpft hat, will sich im Alter nicht wieder verstecken müssen", sagt Unterforsthuber.

Und auch Martin Zwickl, früher selbst Pflegekraft, kippt beim Gedanken an ein gängiges Altenheim fast die Stimme: "Das wäre schrecklich", sagt er. Natürlich werden bereits Homosexuelle in Heimen versorgt.

Mal ist es ein Pfleger, den der schwule Bewohner ins Vertrauen zieht, mal die Heimleitung. Offen darüber gesprochen wird aber in der Regel in den meisten Einrichtungen nicht.

In den Aufnahmebögen fehlt neben dem Kästchen "verheiratet" das Feld "verpartnert". "Die Generation der Homosexuellen, die jetzt Pflege braucht, geht mit ihrer Sexualität aber nicht hausieren", erklärt Unterforsthuber.

"Diese Menschen sind sehr verwundet und haben in der Kriegs- und Adenauerzeit teils traumatische Erfahrungen gemacht." Damals wurden sie aufgrund des Paragrafen 175 wegen ihrer Sexualität noch staatlich verfolgt und mussten Haftstrafen fürchten.

Wer "entlarvt" wurde, verlor nicht selten seinen Job und wurde gesellschaftlich stigmatisiert. Signalisiere ein Haus nicht deutlich, für alle Lebensweisen offen zu sein, würden ältere Schwule lieber wieder schweigen. Zu tief sitzt die Angst.

Manche wollten Schwule internieren

Das bestätigt auch Sigolf Honsel von der Münchner Selbsthilfegruppe "Gray and Gay". Einige Mitglieder hätten sehr lange ein Doppelleben geführt, manche gar geheiratet und Kinder bekommen, bis sie im Alter den Mut fanden, sich zu offenbaren.

"Auch ich habe in der Arbeit nie über meine Homosexualität gesprochen, selbst Teile meiner Verwandtschaft wissen nichts. Nur weil ein Paragraf wegfällt, heisst das noch lange nicht, dass alle offen gegenüber Schwulen sind", so der 65-Jährige.

Er erinnere sich noch gut an die Zeiten der Aidskrise in den 80er-Jahren, als man in Bayern Schwule internieren oder auf eine Insel schicken wollte. "Das vergisst man nicht."

Ein zweites Coming-out im Altenheim? Dafür fehlt die Kraft. Und so kann es im Extremfall sein, dass ein Homosexueller neben einem Altnazi im Zimmer liegt, schräge Blicke erntet - wenn statt der Enkel der Partner zu Besuch kommt - oder von einem homophoben Pfleger gewaschen wird.

Lesen Sie den ganzen Artikel der «Welt» hier.


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