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Die Herrschaft der Power-Senioren

Ehrgeziger älterer Herr: Joe Biden will US-Präsident werden.

Die US-Demokraten sind überaltert. Die machtgeilen Rentner geben den Ton an – und drängen ins Weisse Haus, schreibt der «Tages-Anzeiger».

Man flüsterte es nur, jetzt aber mehren sich die Anzeichen, dass Bernie Sanders noch immer amerikanischer Präsident werden möchte.

Bei den demokratischen Vorwahlen 2016 war der Senator aus dem Neuengland-Staat Vermont beim Kampf um die Präsidentschaftskandidatur gegen Hillary Clinton unterlegen, 2020 aber will er wohl neuerlich antreten.

Zwar dementierte Sanders bisher, dass er wieder ins Rennen gehen will. In aller Stille aber knüpft der linke Senator politisch ergiebige Verbindungen zum demokratischen Establishment sowie US-Gewerkschaften an und lässt sich zudem in aussenpolitischen Fragen schulen.

All das wird in Washington als klarer Hinweis gedeutet, dass Sanders sich mit dem Gedanken einer erneuten Kandidatur trägt. Damit liegt der 76-jährige Senator voll im amerikanischen Trend machtgeiler Power-Senioren wie Donald Trump.

Der Präsident ist 71, bei seiner Wiederwahl wäre Trump 74 Jahre alt.

Mit 68 schon fast jugendlich

Besonders bei den Demokraten gelüstet es Senioren nach dem Präsidentenamt: Barack Obamas Vize Joe Biden hat mehrmals mit dem Weissen Haus kokettiert und hielt sich schon 2016 für den allerbesten Präsidentschaftskandidaten.

Falls Biden zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten gekürt wird und 2020 gegen Trump gewinnt, würde er als ältester Präsident der US-Geschichte fast 80-jährig ins Weisse Haus einziehen.

Obama überreichte seinem Vize im Januar die Freiheitsmedaille. Dagegen nimmt sich Massachusetts-Senatorin Elizabeth Warren mit ihren 68 Jahren fast jugendlich aus, auch der Darling des progressiven Flügels der Demokraten aber wäre bei ihrem Amtsantritt 2021 über 70.

Die Überalterung demokratischer Amtsträger und Kandidaten reflektiert den Niedergang der Partei Franklin Roosevelts während der Obama-Ära: In US-Staatshauptstädten verlor sie nahezu 1000 Mandate in den Parlamenten und damit politische Profilierungsmöglichkeiten für den Nachwuchs.

Über- und Durchblick verloren

Auch im Kongress geben demokratische Senioren den Ton an, vorneweg Nancy Pelosi, die Fraktionschefin im Repräsentantenhaus. 77 Jahre ist Pelosi alt, abtreten will sie indes nicht, wenngleich sie bisweilen den Eindruck erweckt, Über- wie Durchblick zu verlieren.

So machte die Minderheitsführerin etwa keine sonderlich gute Figur bei der Affäre um den demokratischen Abgeordneten John Conyers, dem mehrere Mitarbeiterinnen sexuelle Belästigung vorgeworfen haben.

Sie verteidigte Conyers am Sonntag als "Ikone" und hinterfragte die Beschuldigungen zum Ärger progressiver Demokraten. Conyers wiederum ist 88 Jahre alt, mehrmals schon trat er in verwirrtem Zustand im Schlafanzug auf.

Sein Amt abgeben will der Abgeordnete jedoch ebensowenig wie Kaliforniens demokratische Senatorin Diane Feinstein, die jüngst ankündigte, im kommenden Jahr neuerlich zu kandidieren.

Feinstein ist 84, nach ihrem erwarteten Wahlsieg wäre sie mit 90 noch immer Senatorin. Zwar regt sich innerhalb der Partei wachsender Widerstand gegen die Herrschaft der Power-Senioren, der fällige Generationenwechsel aber lässt auf sich warten.

Dem Sitzfleisch der Senioren haben jüngere Demokraten nicht viel entgegenzusetzen.