50plus sind in Sportstudios auf dem Vormarsch

50plus sind in Sportstudios auf dem Vormarsch
Krafttraining hilft 50plus, Brüche zu vermeiden.
Sie strampeln auf dem Ergometer. Immer mehr Senioren lassen die Muskeln spielen. Ältere Menschen sind in den Sportstudios auf dem Vormarsch.

 Krafttraining ist bis ins hohe Alter möglich, schreibt Karin Tutas auf “swp.de”.

Hermann Miedtke ist nicht zu stoppen. Wenn Hermann - hier im Sportstudio Nippon nennt man sich beim Vornamen - loslegt, ziehen selbst die muskelbepackten Cracks den Hut. Heute hat Hermann mal wieder Lust auf eine dieser "ganz verrückten Sachen". Zielstrebig marschiert der Senior auf die Kraftmaschinen zu. Am Seilzug lässt er die Muskeln spielen, 160 Kilogramm hat er aufgelegt.

"Das schaffen hier nicht viele, auch nicht die Jüngeren", sagt Heinz Schmid, Betreiber des Göppinger Fitness-Studios. Zu den Jüngeren gehört Hermann Miedtke nicht mehr unbedingt. In diesem Jahr wird er 89 Jahre alt und ist das älteste Mitglied im Nippon. Dort und auch in anderen Sportstudios im Landkreis sind die Senioren deutlich auf dem Vormarsch.

Fast ein Viertel der knapp 1000 Mitglieder des Fitness-Studios sind älter als 60 Jahre, "Tendenz steigend", sagt Heinz Schmid. Das bestätigt auch sein Kollege Volkmar Lipp vom Studio Bodyconcept in Göppingen. "Die Rentner sind heute insgesamt aktiver", meint Lipp und seine Mitarbeiterin Anja Krause fügt hinzu: "Was früher als alt galt, sind heute rüstige Menschen, die bis ins hohe Alter fit sein wollen."

Hermann Miedtke zählt sich noch längst nicht zum alten Eisen. "Der Hermann zeigt den Jungen, wo es langgeht", meint Mitsportler Harald Kammerich bewundernd. Zwei Mal in der Woche geht Miedtke zum Training, immer vormittags an zwei festen Tagen. "Ich bleibe dadurch fit und gesund und es geht mir sofort besser", sagt er.

Und wenn er es mal wieder gar zu toll getrieben hat und es nach dem Training zwickt, "dann hole ich mir in der Apotheke eine Salbe". Wenn der rüstige Rentner zum Training kommt, kann er sich der Aufmerksamkeit seiner Sportkollegen gewiss sein. Jetzt legt er an der Beinpresse los. Die Zuwendung des Publikums stachelt seinen Ehrgeiz an.

Zwei Mal zehn Wiederholungen mit 260 Kilogramm, da mag selbst Trainer Alex Heim nicht mithalten, er ist mit seinen 30 Jahren nicht einmal halb so alt wie sein Klient. "So was geht nur, wenn man schon früh mit dem Training beginnt", weiß Heim. Hermann Miedtke ist bereits als junger Mann, Anfang der 50er Jahre auf den Geschmack gekommen.

"Damals war ich Wachsoldat bei den Amerikanern und habe mit dem Bodybuilding begonnen. 100 Kilo habe ich früher gestossen", erzählt er stolz. Seit 30 Jahren besucht er das Sportstudio - viel habe sich inzwischen verändert. "Früher war das alles auf Kraft ausgerichtet, heute geht es mehr um die Bewegung", meint er.

Aber der Hermann hat seinen eigenen Kopf, sagt Trainer Alex schmunzelnd. Er lasse sich nur ungern bei seinen Übungen reinreden. Legendär sind seine Zweikämpfe mit dem früheren Spitzensportler Peter Esenwein. Der erfolgreiche Speerwerfer war längere Zeit Miedtkes Trainingspartner.

"Die haben sich gegenseitig Gewichte aufgelegt und der Hermann hat immer ganz schön mitgehalten", erzählt ein Mitglied des Studios. Hermann Miedtke ist zweifellos eine Ausnahme unter den meist älteren Menschen, die an den Geräten schwitzen. Die Gesundheit stehe bei den meisten im Vordergrund, sagt Heinz Schmid.

Zunehmend verordneten Ärzte Reha-Sport, "da sind die Krankenkassen heute grosszügiger als früher", ist Schmids Erfahrung. Mit einem moderaten Kraft- und Ausdauertraining können viele Krankheiten und Gebrechen hinausgezögert werden, sagen Mediziner.

"Selbst wenn man erst mit 70 anfängt, kann man noch Muskeln aufbauen", meint Heinz Schmid, der immer wieder staunt, wie leistungsfähig Menschen im fortgeschrittenen Alter sind, wenn sie sich regelmäßig bewegen. Die Fitness-Studios stellen sich auf die Bedürfnisse ihrer älter werdenden Kundschaft ein, ob mit Vormittags- oder Seniorentarifen, chipgesteuerten Trainingsgeräten oder speziellen Kursangeboten.

"Funktionelles Training und Sturzprophylaxe ist gerade bei Älteren wichtig", sagt Anja Krause von Bodyconcept, die jetzt erst einmal Else Frank mit Wasser und einem Keks versorgt. Ein Ritual, "des isch mei Dauerauftrag", sagt die muntere 86-Jährige, die seit 25 Jahren zwei Mal pro Woche in das Sportstudio kommt.

"Damals war ich 61 Jahre und mit Abstand die Älteste", sagt die muntere Seniorin, der man ihr Alter nicht ansieht. Adrett sieht sie aus in ihrem geblümten Shirt. "Ich wär nemme so fit, wenn i des net macha dät", plaudert die Göppingerin, die bis zu ihrem Ruhestand als Sekretärin an der Albert-Schweitzer-Schule tätig war.

Ihr Schlüsselerlebnis hatte die 86-Jährige nachdem sie sich bei einem Sturz vor einigen Jahren einen offenen Trümmerbruch am Handgelenk zugezogen hatte. "Die Ärzte haben mir damals gesagt, dass ich nicht mehr viel mit dem Arm machen kann." Die Mediziner haben sich geirrt, denn sie kannten Else Frank schlecht.

Mit Gewichten trainierte sie den Arm, "das war hart und hat manchen Schweißtropfen gekostet". Als die Platte aus dem Arm entfernt wurde, hätten die Ärzte nicht schlecht gestaunt, "ich kann wieder alles machen". Zum Beispiel Gewichte an den Geräten stemmen. Aufwärmen am Laufband. Else Frank sieht sich um.

Sie ist an diesem Tag eine Stunde früher da als sonst, "da sind ganz andere Leute da", meint sie. Mittlerweile hat sie schon einen festen Bekanntenkreis im Studio. Unter die Leute zu kommen und die Geselligkeit sei in ihrem Alltag wichtig, "ich habe meine Hocks und Treffs", erzählt sie. Dann aber ist Schluss mit lustig, jetzt wird nicht mehr geschwätzt, Bauch- und Rückenmuskeln werden gestählt.

Konzentriert und mit geschlossenen Augen absolviert Else Frank ihre Übungen. Zehn Geräte und zwei Hantelübungen stehen auf ihrem Trainingsplan. Und dazwischen hat die 86-Jährige immer einen flotten Spruch auf den Lippen. "Wenn alles so laufa dät wie mei Gosch, dann gings mir blendend", sagt sie lachend, während sie zu ihrem Lieblingsgerät schreitet, mit dem die vertikale Rückenmuskulatur trainiert wird.

Nur mit den vielen englischen Begriffen an den Geräten hadert die Seniorin ein wenig, "als obs koine deutschen Wörter gäb". Und wie lange glaubt sie noch, ihr Training betreiben zu können? "Zuerst habe ich gehofft, dass ich bis 70 durchhalte, dann bis 80 und jetzt . . . Mal sehen", sagt Else Frank und nimmt das nächste Gerät in Angriff.

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