Gleichgewichtssinn
Balance: Was sie über Ihre Gesundheit verrät
Balance: Was sie über Ihre Gesundheit verrät
Was verrät die Balance über Ihren Körper?
Balance ist eine erstaunliche Gemeinschaftsleistung. Bei jedem Schritt verarbeitet Ihr Körper Informationen aus den Augen, dem Innenohr, den Gelenken und der Muskulatur. Das Gehirn setzt daraus ein Lagebild zusammen und korrigiert Ihre Bewegung permanent.
Das geschieht meist völlig unbemerkt. Sie treten auf einen losen Stein, das Gewicht kippt zur Seite und schon stabilisieren Fuss, Bein und Rumpf den Körper. Genau deshalb ist Gleichgewicht gesundheitlich interessant. Es bildet nicht eine einzelne Fähigkeit ab, sondern das Zusammenspiel von Wahrnehmung, Nervensystem, Muskelkraft, Beweglichkeit und Reaktion. Wird dieses Zusammenspiel schlechter, bedeutet das nicht automatisch Krankheit. Es lohnt sich aber zu fragen, was sich verändert hat.
Beim Gleichgewichtssystem des Innenohrs wird beispielsweise deutlich, dass sichere Bewegung weit mehr benötigt als kräftige Beine. Sie können auch ohne ein Übermass an Geräuschen Ihren Hörsinn trainieren. Stille ist geeignet, Ihre akustische Wahrnehmung gezielt zu schärfen. Lesen Sie in unserem Beitrag "Hörsinn trainieren: So fördert Stille Ihre Wahrnehmung" mehr dazu.
Welche Signale sind wichtiger als gelegentliches Wackeln?
Niemand steht und geht ständig perfekt. Ein kurzer unsicherer Moment hat kaum Aussagekraft. Interessanter sind Veränderungen.
Vielleicht greifen Sie beim Treppensteigen plötzlich häufiger zum Geländer. Beim Wandern werden Wurzeln und Steine anstrengender. Nach einer schnellen Drehung braucht es einen zusätzlichen Schritt. Oder das Anziehen einer Hose im Stehen fühlt sich wesentlich anspruchsvoller an als früher. Solche Situationen können unterschiedliche Schwachstellen sichtbar machen.
Unsicherheit bei wenig Licht kann beispielsweise darauf hinweisen, dass die visuelle Orientierung besonders wichtig geworden ist. Schwierigkeiten beim Abfangen eines Fehltritts können mit fehlender Kraft oder einer langsameren Reaktion zusammenhängen. Schwindel wiederum kann ganz andere Ursachen haben.
Balance sollte deshalb nicht nach dem Schema «gut oder schlecht» beurteilt werden. Viel informativer ist: Wann tritt die Unsicherheit auf, wie stark ist sie und verändert sie sich?
Warum ist Balance für gesundes Älterwerden so wertvoll?
Weil sie körperliche Reserven schafft. Wer sich sicher bewegt, kann spontaner reagieren und unterschiedlichere Bewegungen ausführen. Das betrifft Alltag und Freizeit gleichermassen: ins Tram steigen, auf einer Leiter eine Stufe nehmen, über eine nasse Wiese gehen, Velo fahren oder auf einem Bergweg ausweichen.
Ein guter Gleichgewichtssinn allein genügt dabei nicht. Nach einem Stolperer braucht der Körper genügend Beinkraft, um einen schnellen Korrekturschritt auszuführen. Dazu kommen Koordination und Reaktionsfähigkeit. Genau deshalb kombiniert die Schweizer Sturzprävention Gleichgewichts- mit Krafttraining. Die entsprechende BFU-Empfehlung zum Training gegen Stürze nennt regelmässiges Training dieser Fähigkeiten als zentrale Massnahme.
Der gesundheitliche Nutzen reicht aber über das Verhindern eines Sturzes hinaus. Gute Balance erleichtert es, aktiv zu bleiben. Unsicherheit kann dagegen dazu führen, dass man anspruchsvollere Wege, Ausflüge oder Sport zunehmend meidet.
Damit kann ein ungünstiger Kreislauf beginnen: weniger Bewegung, weniger Muskelkraft, weniger Übung und noch weniger Sicherheit.
Wie lässt sich die eigene Balance testen?
Ein einfacher Test kann eine erste Orientierung geben. Stellen Sie sich neben eine stabile Küchenabdeckung oder einen schweren Tisch. Heben Sie einen Fuss leicht an und beobachten Sie einige Sekunden, wie Ihr Körper reagiert. Es geht nicht um einen Rekord.
Achten Sie vielmehr auf vier Dinge:
- Können Sie die Position kontrolliert halten?
- Müssen Arme oder Oberkörper stark ausgleichen?
- Gibt es einen auffälligen Unterschied zwischen rechts und links?
- Fällt Ihnen dieselbe Aufgabe heute deutlich schwerer als früher?
Mindestens genauso aufschlussreich ist der Alltag. Können Sie sich während des Gehens umdrehen? Gehen Sie über Kies sicher? Kommen Sie kontrolliert aus einem tiefen Sessel hoch? Können Sie eine unerwartete Bewegung abfangen?
Ein solcher Balance-Test ist kein medizinischer Check-up und liefert keine Diagnose. Er kann aber auf Veränderungen aufmerksam machen, die man sonst leicht übersieht. Wer bereits häufig stürzt oder starken Schwindel verspürt, sollte anspruchsvolle Tests nicht alleine durchführen.
Wie wird aus Unsicherheit wieder Sicherheit?
Balance lässt sich trainieren. Aber nicht durch eine einzige Wunderübung. Hilfreich ist eine Mischung aus Kraft, kontrollierter Körperverlagerung, Koordination und wechselnden Bewegungsaufgaben.
Im Alltag kann das erstaunlich unkompliziert aussehen:
- kontrolliert vom Stuhl aufstehen und langsam wieder hinsetzen
- mit sicherem Halt auf die Zehenspitzen steigen
- beim Gehen bewusst Tempo und Richtung wechseln
- seitliche Schritte einbauen
- auf sicheren, unterschiedlichen Untergründen unterwegs sein
Auch Freizeitaktivitäten können wertvolle Trainingsreize liefern. Tanzen verlangt permanente Gewichtswechsel. Tai-Chi verbindet kontrollierte Bewegung mit Körperwahrnehmung. Wandern fordert die Anpassung an wechselnden Untergrund.
Wer die körperliche Basis verbessern möchte, profitiert zudem von gezieltem Krafttraining ab 50. Kräftige Beine und ein stabiler Rumpf erhöhen die Chance, einen Fehltritt noch abzufangen. Mit wohldosiertem Training können Sie dem körperlichen Abbau im Alter entgegenwirken und gesünder bleiben. Sie müssen nur Ihre Grenzen kennen. Training im Alter ist wichtiger als in der Jugend.
Auch Yoga kann Balance und Beweglichkeit miteinander verbinden und damit eine andere Form des Gleichgewichtstrainings bieten.
Was gehört nicht einfach zum Älterwerden?
Eine gewisse Veränderung körperlicher Fähigkeiten ist normal. Plötzlich auftretende oder rasch zunehmende Gleichgewichtsstörungen sollte man dennoch nicht als Alterserscheinung akzeptieren.
Besonders aufmerksam sollten Sie bei neuem starkem Schwindel, mehreren Stürzen, einem auffällig veränderten Gang, Taubheitsgefühlen, neuer Muskelschwäche oder deutlichen Sehproblemen werden.
Auch Medikamente können eine Rolle spielen. Beruhigende oder blutdrucksenkende Präparate können bei manchen Menschen das Sturzrisiko erhöhen. Verordnete Medikamente sollten deshalb nie selbstständig verändert, bei neuen Beschwerden aber ärztlich überprüft werden. Balance ist somit weder nur ein Fitnesswert noch lediglich ein Thema der Sturzprävention.
Sie zeigt im Alltag, wie zuverlässig verschiedene Systeme Ihres Körpers zusammenarbeiten. Wer Veränderungen früh wahrnimmt und Kraft, Koordination und Bewegungsvielfalt erhält, trainiert deshalb etwas sehr Konkretes: die Fähigkeit, dem eigenen Körper auch in unerwarteten Situationen vertrauen zu können.