Die ehrgeizigen Alten bleiben aktiv

Die ehrgeizigen Alten bleiben aktiv
Gesellschaftlich und sozial erwünscht: Fitte Generation 50plus.
Jede siebte der rund 11500 Starterinnen in den Hauptkategorien am letzten Frauenlauf in Bern war über 50 Jahre alt. Sie wollen sich messen.

Am Engadin-Skimarathon im März waren sogar jeder vierte Mann und jede fünfte Frau, die über die Originaldistanz klassiert wurden, älter als 50-jährig, schreibt Andreas Schmid in der NZZ am Sonntag. Für den Sportsoziologen Markus Lamprecht, der mit seiner Zürcher Sozialforschungs-Firma das Bewegungsverhalten der Schweizer Bevölkerung untersucht, ist das zunehmende Leistungsdenken der Senioren einerseits eine Folge der demografischen Entwicklung, andererseits ein Ausdruck der Individualisierung der Gesellschaft.

Ein Wertewandel habe zudem in den letzten Jahren dazu geführt, dass Selbstverwirklichung und persönliche Entfaltung in der Freizeit einen hohen Stellenwert einnähmen. "Man sucht nach Herausforderungen, und Leistung findet breite Anerkennung."

Sportler, die an einem Wettkampf teilnehmen, würden Teil eines Events. Lamprecht spricht von einem Leistungserlebnis. Dieses böten viele Anlässe, denn die Veranstalter hätten auf die Entwicklungen reagiert und das Angebot sei riesig. Für einige wenige Athleten im Seniorenalter (ab 35) geht es sogar um Medaillen, sie wähnen sich fast auf der grossen Bühne des Sports, wenn sie im Nationalmannschaftsdress an Masters Games, Europa- und Weltmeisterschaften antreten.

Ende Mai zum Beispiel war eine 88-köpfige Schweizer Delegation aus Läufern und Gehern nach Tschechien gereist, um an den Masters-Europameisterschaften im 10-Kilometer-Strassenlauf, im Halbmarathon, Crosslauf und Gehen teilzunehmen. 25 Medaillen in den vielen Einzel-und Teamwertungen brachten die 35- bis 75-jährigen Schweizer Sportler nach Hause.

In den USA gibt es für erfolgreiche Senioren nicht nur blecherne Auszeichnungen zu gewinnen, an den grossen Marathon- und Strassenläufen werden die besten 40- und 50-Jährigen mit Bargeld belohnt. In Boston etwa werden für die Sieger 10 000 Dollar ausgesetzt, in New York 3000.

Dass das Nebeneinander von Beruf und Freizeit an Bedeutung gewonnen hat, wie es der Soziologe Lamprecht beobachtet, lässt sich an den sportlichen Leistungen der Senioren ablesen. Nicht selten sind an Schweizer Triathlons, Volksläufen und Langlauf-Veranstaltungen die Seniorenkategorien der 35- bis 45-Jährigen in der Breite leistungsstärker als diejenigen der 20- bis 35-Jährigen.

Als Ausdruck einer Wohlstandsgesellschaft, die viel Zeit und Geld in die Freizeitaktivitäten investiert, kann die Schweiz in den höheren Altersklassen zudem mit vielen international erfolgreichen Athleten aufwarten und ist ungleich konkurrenzfähiger als bei der Elite. Der Sportsgeist erfasst die Senioren auch in der Breite.

Zur Freude der Präventionsfachleute und jener, die mit der Gesundheit ein Geschäft machen. Personal Trainer sind in Mode gekommen, und die Betreiber von Fitness-Studios verzeichnen im Segment der über 50-jährigen Kunden deutliche Zuwachsraten.

Die Fitnessparks des Migros-Genossenschafts-Bunds Zürich haben laut René Stocker, Leiter des Geschäftsbereichs, seit 2004 rund zehn Prozent mehr Jahreskarten an Senioren verkauft. Bei einer Gesamtzahl von 20 000 Abonnementen sei diese Steigerung wesentlich, sagt Stocker. Umso mehr, als die Entwicklung anhalte.

Auch die Dachorganisation, der Schweizerische Fitness- und Gesundheitscenter-Verband (SFGV), erkennt in der älteren Generation eine wichtige Kundschaft. Im letzten Branchenreport aus dem Jahr 2011 halten die Verfasser fest, dass "unter dem Aspekt einer immer älter werdenden Gesellschaft und sich damit verändernder Kundenprofile von den Unternehmern eine Anpassung an die Bedürfnisse und Erwartungshaltung erforderlich ist, um sich die neue konsumstarke und zuverlässige Klientel aufzubauen".

Der neuste Branchenreport 2013, der noch nicht fertiggestellt ist, werde ein weiteres Wachstum bei den Senioren zeigen, sagt der SFGV-Vizepräsident Roland Steiner. Der Verband verfolgt denn auch zusammen mit dem Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Basel ein Projekt, das sich mit Krafttraining im Alter befasst.

Im Buch "Kräftig altern" werden die Erkenntnisse aufbereitet. Die Wettkampftätigkeit kennt auch in den Seniorenkategorien keine Grenzen: Eine 88-jährige Stabhochspringerin ist mit 1,25 Meter in der Rekordliste registriert, Bestleistungen von Rentnern werden im Steeple-Lauf ebenso geführt wie im Dreisprung oder über 100 Meter.

Marathon laufende und Tennis spielende Veteranen machen von sich reden, weil sie überhaupt noch so weit rennen oder ein Racket in die Hand nehmen können. Die diversen internationalen Wettkämpfe werden inszeniert und zelebriert; aus der ganzen Welt reisen die angejahrten Athleten an, um sich spät noch sportliche Träume zu erfüllen und sich für Momente jugendlich frisch zu fühlen.

www.nzzamsonntag.ch

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