Die spätberufenen Harley-Davidson Fahrer

Die spätberufenen Harley-Davidson Fahrer
Sieht aus, wie wenn er damit umgehen könnte: Harley-Davidson
50plus verbindet eine Zuneigung zu Harley-Davidson. H. Müller entschied plötzlich, mit der Rebellenmaschine über die Landstrassen zu brettern.

In einem Alter, in dem die meisten gerne mit ihrem SUV gemütlich unterwegs sind, hat er sich für einen Anfängerkurs angemeldet. Die Generation der 50plus verbindet eine tiefe Zuneigung zu Harley-Davidson. Hansjürg Müller, 66, verspürte plötzlich das Bedürfnis, mit der früheren Rebellenmaschine über die Landstrassen zu brettern. In einem Alter, in dem die meisten gerne mit ihrem SUV gemütlich unterwegs sind, hat er sich für einen Anfängerkurs angemeldet.

«Ich versuche nicht, cool zu sein oder so», sagt Hansjürg Müller, ein pensionierter Bankangestellter. Der zweitägige Kurs, an dem er zusammen mit 20-Jährigen teilnahm, eröffnete ihm eine neue Welt. «Harley-Davidson-Fahren gibt mir einfach ein gutes Gefühl. Er ist wie Skifahren. Unangestrengtes Bewegen an der frischen Luft.» Seither schaut er sich im Netz und beim Händler immer wieder seine Traummotorräder an, weiss aber nicht, ob er wirklich eine Maschine kaufen soll.

Hansjürg Müller gehört zu der wachsenden Gruppe angegrauter Ü50, die sich ins Motorradfahren verguckt haben. Motorradfahrlehrer schätzen, dass die 50plus heute schon etwa 35 Prozent der Fahrschüler ausmachen. Ein kleiner Prozentsatz davon ist gar zwischen 70 und 80.

Fast die Hälfte der neuen Alten ist noch nie zuvor auf einem Motorrad gesessen. Viele von ihnen waren zu sehr mit Karriere, Kindern und Familie beschäftigt, als dass sie sich damit hätten beschäftigen können. Aber nun haben sie einen Punkt im Leben erreicht, an dem sie etwas Neues erleben wollen. Harley fahren ist dabei vergleichsweise harmlos und folgenfreier für Ehen und Partnerschaften.

Bei Harley-Davidson ist der durchschnittliche Käufer nach Angaben des Unternehmens 45,6 Jahre alt - und das, obwohl sich die Marke eigentlich über ein junges Rebellen-Image definiert. Über die gesamte Motorradbranche hinweg liegt der Wert bei 38 Jahren. Klar ist auch, dass die geburten- und mittlerweile sehr einkommensstarken Jahrgänge der Baby-Boomer-Generation der Premium-Marke Harley-Davidson gute Geschäfte bescheren.

Müllers Schnupperfahrkurs startet auf tiefem Niveau: Gaspedal und Kupplung bedienen lernen, das Motorrad schieben, einige Meter fahren, bremsen, langsames Kurvenfahren. Müller: «Wenn man fit ist und Fahrrad fahren kann, geht es auch mit einem Motorrad.» Trotzdem sei man als Anfänger überrascht über die schiere Wucht selbst eines Motorrades mit wenig Hubraum. Für ältere Fahrer spricht, dass sie weniger temperamentvoll durch die Gegend brettern, dass das Testosteron reduziert ist, sie weniger risikoreich fahren. Die Frauen auch mit langsamer Vorbeifahrt beeindruckt werden können.

Gegen Senioren-Cruiser spricht die leicht verlangsamte Reaktionsfähigkeit, die nachlassende körperliche Fitness. In den USA wurde der Zusammenhang zwischen Alter und tödlichen Motorradunfällen von der National Highway Traffic Safety Administration untersucht. 1975 waren etwa 5 Prozent der 4000 tödlich verunglückten Motorradfahrern über 50 Jahre alt. Aktuell ist ihr Anteil auf eine Drittel angestiegen. Die Babyboomer-Generation fährt nicht plötzlich schlechter als ihre Vorgänger. Der Grund ist logisch: Ihr Anteil an der Community ist stark angestiegen. In den USA das das Durchschnittsalter der Motorradfahrer in den letzten zwei Jahrzehnten von 33 auf 40 Jahre angestiegen.

Müller kann nach den gut überstandenen Probelektionen seinen Stolz nicht verbergen: «In meinem Alter das Motorradfahren zu lernen, macht mich stolz. Das beweist mir, dass ich nicht eingerostet bin. Körper und Hirn funktionieren noch. Ich studiere jetzt ganz intensiv Harley-Davidson-Prospekte.»

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