«Gloria» – Liebe, bevor es zu spät ist

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Lässt sich die Freuden des Lebens nicht nehmen: «Gloria» (Filmausschnitt).
Der Regisseur Sebastián Lelio hat aus der Geschichte der Endfünfzigerin Gloria etwas Seltenes und Schönes gemacht. Zum Nachahmen.

Sie singt Liebesschnulzen mit, die sie im Radio hört. Sie geht auf Single-Partys und lacht sich Männer an. Sie ist Ende fünfzig und geschieden. Ein Film, der diese Frau zur Heldin macht, kann nur entgleisen, denkt man. In sentimentale Herablassung, moralinsüsse Gefühligkeit, in Best-Ager-Kitsch.

Man muss sich nur daran erinnern, was Hollywood mit Schauspielerinnen wie Shirley MacLaine, Susan Sarandon, Sally Field und zuletzt auch Julia Roberts im Genre Familienfilm alles angestellt hat. Eine Gattung zum Fürchten, ein ewiges Schmalzreservoir. Aber "Gloria" ist anders.

Gloria (Paulina García) lebt in Santiago de Chile. Die Wirtschaftskrise, unter der das Land leidet, liegt als Grauschleier im Hintergrund der Filmbilder. Die Jobs, die Beziehungen, die Biographien wirken angeknackst, prekär. Glorias erwachsene Tochter will mit ihrem Freund nach Schweden auswandern, ihr Sohn ist alleinerziehender Vater.

Rodolfo, der Mann, den Gloria auf einer Tanzfläche kennenlernt, besitzt einen Freizeitpark, der tagsüber fast leer ist. Der Ferienort am Meer, in dem die beiden nach ihrem ersten Krach einen Neuanfang versuchen, hat bessere Tage gesehen, die Clubs sind Kaschemmen.

Zuletzt verschwindet Rodolfo, ohne die Rechnung zu bezahlen, ein Bankrotteur des Herzens wie des Portemonnaies. Gegen all das rebelliert Gloria, und es ist diese ganz private Rebellion, die Sebastián Lelios Film zum Ereignis macht. Ein Begehren als Aufbegehren.

Der Kampf gegen die Verhärtungen des Alters als emotionales Konjunkturprogramm. Einmal, als sie beim Friseur unter der Trockenhaube sitzt, sieht Gloria tatsächlich wie die Greisin aus, die sie einmal sein wird, und Lelio legt dazu das Adagietto von Mahler über die Bilder, das Viscontis Filmmusik für den "Tod in Venedig" war.

"Finde die Liebe, bevor du stirbst!", singt der Marionettenspieler mit seiner Skelettpuppe in der Shoppingmall. Die magere, haarlose Katze des Nachbarn, die sich regelmäßig in Glorias Bett schleicht, bietet sich als Trost in einsamen Nächten an.

Aber Gloria stösst sie immer wieder zurück. Es spricht für Lelios Können als Regisseur, dass man ihm solche überdeutlichen Zeichen nicht übelnimmt. Sie laufen beiläufig mit wie die Songs auf dem Soundtrack: Disco-Klassiker, Tangonummern und natürlich Umberto Tozzis "Gloria", der hier zur Erkennungsmelodie der Hauptfigur wird.

Sebastián Lelio hat im chilenischen Kino mit Geschichten über zerbrochene Familien angefangen, und auch in "Gloria" zappelt jeder an Familienbanden. Glorias Exmann bricht in Tränen aus, als er alte Urlaubsfotos betrachtet, und ihr Liebhaber Rodolfo kann sich nicht von seiner geschiedenen Frau und den Töchtern losmachen.

Nur Gloria bleibt von aller Wehmut unberührt. Paulina García verleiht ihr eine Entschlossenheit, die man nicht mit Kälte verwechseln darf, einen zielstrebigen Appetit auf die Freuden des Daseins, der sich von keiner Ernüchterung vertreiben lässt.

Dafür bekam sie auf der Berlinale den Darstellerpreis. Der Film selbst ging leer aus; andere, vor allem die Armutsdramen aus Osteuropa, waren der Jury wichtiger. Dabei handelt auch "Gloria" von etwas, das uns alle angeht, mindestens ebenso dringend wie Globalisierung und Migration. Dieser Film hat es gemerkt.

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