Kognitive Reserve: Wie das Gehirn länger fit bleibt

Das Gehirn kann geistige Schwächen teilweise ausgleichen. Die kognitive Reserve hilft dabei, Fähigkeiten länger stabil zu halten.
Kognitive Reserve: Wie das Gehirn länger fit bleibt
Geistige Leistungsfähigkeit erhalten (Bild: iStock)

Was ist die kognitive Reserve?

Stellen Sie sich vor, Ihr gewohnter Weg ist plötzlich gesperrt. Sie kommen trotzdem ans Ziel, weil Sie eine andere Route kennen. Ähnlich funktioniert die kognitive Reserve im Gehirn.

Sie beschreibt die Fähigkeit, geistige Aufgaben auch dann noch gut zu bewältigen, wenn einzelne Abläufe weniger effizient funktionieren als früher. Das Gehirn nutzt dafür Erfahrung, Wissen und alternative Strategien. Es kann Aufgaben also auf unterschiedliche Weise lösen. Genau diese Anpassungsfähigkeit meinen Fachleute mit kognitiver Reserve.

Die Reserve ist kein zusätzlicher Speicher und auch keine bestimmte Zahl von Gehirnzellen. Sie zeigt vielmehr, wie flexibel das Gehirn mit seinen vorhandenen Möglichkeiten arbeitet.

Ein einfaches Beispiel: Ein Name fällt Ihnen nicht sofort ein. Statt aufzugeben, erinnern Sie sich an den Beruf der Person, an den Ort der Begegnung oder an ein gemeinsames Erlebnis und finden so doch noch zum gesuchten Namen. Das Gedächtnis nutzt einen anderen Weg.

Warum kann diese Reserve im Alter wichtig werden?

Mit den Jahren verändern sich Denkgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Auch Krankheiten können die Leistung des Gehirns beeinträchtigen. Die kognitive Reserve kann dazu beitragen, solche Einschränkungen eine Zeit lang besser zu kompensieren.

Deshalb interessieren sich Forschende besonders dafür, warum manche Menschen geistig lange selbstständig bleiben, obwohl ihr Gehirn altersbedingten Belastungen ausgesetzt ist.

Eine höhere kognitive Reserve bedeutet allerdings nicht, dass Alterungsprozesse verschwinden. Sie gibt dem Gehirn vielmehr mehr Möglichkeiten, mit Veränderungen umzugehen.

Das kann sich zeigen, wenn Sie:

  • eine vergessene Information über andere Zusammenhänge wiederfinden
  • bei einer schwierigen Aufgabe eine neue Strategie ausprobieren
  • bekannte Fähigkeiten auf eine ungewohnte Situation übertragen
  • Probleme auch dann lösen, wenn der erste Lösungsweg nicht funktioniert

Kognitive Reserve bedeutet also vor allem geistige Flexibilität.

Wie entsteht kognitive Reserve?

Sie baut sich nicht durch eine einzige Übung auf. Sie entwickelt sich über Jahre durch Erfahrungen, bei denen das Gehirn lernen, kombinieren, planen und reagieren muss.

In der Forschung werden unter anderem Bildung, geistig anspruchsvolle Tätigkeiten, soziale Aktivität und komplexere Freizeitbeschäftigungen mit einer höheren kognitiven Reserve in Verbindung gebracht.

Wichtig ist dabei nicht, wie akademisch eine Tätigkeit wirkt. Eine neue Sprache fordert das Gehirn ebenso wie ein anspruchsvolles handwerkliches Projekt, das Erlernen eines Instruments oder eine Aufgabe, bei der Sie planen und Entscheidungen treffen müssen.

Besonders wertvoll sind Aktivitäten, die nicht vollständig automatisiert sind. Das Gehirn muss dabei Neues verarbeiten und vorhandenes Wissen neu einsetzen.

Deshalb kann auch ein abwechslungsreiches Gehirntraining sinnvoll sein, sofern nicht immer nur dieselbe Fähigkeit trainiert wird.

Warum ist Neues wichtiger als perfekte Routine?

Routine entlastet das Gehirn. Was Sie seit Jahren beherrschen, braucht weniger Aufmerksamkeit und weniger neue Lösungswege. Das ist im Alltag praktisch, für die kognitive Reserve aber weniger anspruchsvoll.

Ein Kreuzworträtsel kann das Gedächtnis fordern. Wenn Sie dieselbe Art Rätsel seit Jahrzehnten problemlos lösen, entsteht jedoch weniger neuer Lernreiz als bei einer Aufgabe, die Sie noch nicht beherrschen.

Gute geistige Herausforderungen haben deshalb drei Eigenschaften:

  • Sie sind noch nicht völlig vertraut.
  • Sie verlangen eigenes Denken.
  • Sie werden mit Übung allmählich leichter.

Das kann auch etwas sehr Alltägliches sein: eine neue digitale Anwendung lernen, eine komplexere Veloroute selbst planen oder sich mit einem Thema beschäftigen, von dem Sie bisher wenig wussten.

Der entscheidende Punkt ist nicht möglichst viel Denksport. Das Gehirn sollte regelmässig Situationen erleben, in denen es noch keine fertige Lösung besitzt.

Welche Rolle spielen andere Menschen?

Soziale Kontakte fordern das Gehirn auf eine besondere Weise. Ein echtes Gespräch lässt sich nicht vollständig planen. Sie müssen zuhören, Informationen im Gedächtnis behalten, Zusammenhänge verstehen und spontan reagieren. Sprache, Aufmerksamkeit und Erinnerung arbeiten dabei gleichzeitig.

Soziale Verbundenheit wird in der Forschung ebenfalls mit kognitiver Reserve und einem günstigeren Verlauf der geistigen Leistungsfähigkeit in Verbindung gebracht.

Dabei zählt nicht, wie viele Personen im Adressbuch stehen. Entscheidend ist der aktive Austausch. Besonders anregend sind beispielsweise Diskussionen, gemeinsames Organisieren, das Lernen in einer Gruppe oder eine Aufgabe, bei der unterschiedliche Meinungen und Lösungen zusammengebracht werden müssen.

Auch neue Hobbys schaffen oft gleichzeitig geistige und soziale Reize.

Lässt sich die kognitive Reserve später noch stärken?

Das Gehirn bleibt auch im Erwachsenenalter lern- und anpassungsfähig. Deshalb ist es sinnvoll, geistige Herausforderungen nicht irgendwann einzustellen.

Die kognitive Reserve lässt sich allerdings nicht wie ein Akku aufladen oder mit einem Test in Prozent messen. Forschung nutzt meist indirekte Hinweise wie Bildungsweg, geistige Aktivitäten oder soziale Einbindung.

Für den Alltag ist eine einfachere Frage hilfreicher:

Wann haben Sie zuletzt etwas gelernt, das Sie anfangs wirklich gefordert hat? Das kann ein neues Gerät, eine Fremdsprache, ein ungewohntes Hobby oder eine Aufgabe mit Verantwortung gewesen sein.

Hilfreich sind vor allem:

  • neue Inhalte statt nur Bekanntes wiederholen
  • verschiedene Arten von Aufgaben kombinieren
  • Probleme zunächst selbst lösen
  • Gewohnheiten gelegentlich bewusst verändern
  • Gelerntes praktisch anwenden

Es geht nicht darum, sich permanent anzustrengen. Entscheidend ist, geistig nicht nur auf Autopilot zu leben.

Was hat Bewegung mit der Gehirngesundheit zu tun?

Kognitive Reserve und körperliche Gehirngesundheit sind zwei verschiedene Dinge. Sie ergänzen sich aber.

Das Gehirn braucht gesunde Blutgefässe und eine zuverlässige Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen. Bluthochdruck, Diabetes, Rauchen und andere Gefässrisiken spielen deshalb auch bei Demenzerkrankungen eine Rolle. 

Bewegung unterstützt diese körperlichen Voraussetzungen. Besonders interessant sind Aktivitäten, die zusätzlich Koordination und Aufmerksamkeit erfordern.

Lese-Tipp: 7 einfache Tipps für ein besseres Gedächtnis.

Kann kognitive Reserve Demenz verhindern?

Nein. Sie ist kein Schutzschild gegen Alzheimer oder andere Demenzformen.

Die Idee dahinter ist vielmehr, dass ein flexibles Gehirn Funktionsverluste möglicherweise länger ausgleichen kann. Eine höhere kognitive Reserve wird in Studien mit einer besseren geistigen Widerstandsfähigkeit gegenüber Alterungs- und Krankheitsprozessen verbunden.

Demenzprävention ist deshalb breiter. Geistige Aktivität gehört dazu, ebenso Bewegung, soziale Kontakte und die Behandlung körperlicher Risikofaktoren. Aktive Massnahmen zur Demenzprävention verbinden diese unterschiedlichen Bereiche.

Die kognitive Reserve lässt sich am einfachsten so verstehen: Je mehr unterschiedliche Wege Ihr Gehirn gelernt hat, eine Aufgabe zu lösen, desto flexibler kann es reagieren, wenn einer davon schwieriger wird.

Genau deshalb lohnt es sich, nicht nur Wissen zu behalten, sondern immer wieder neues dazuzugewinnen.


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