Nordischer Herbstzauber – der nahe Geheimtipp

Der Indian Summer ist näher als gedacht: Lappland verführt als farbiger Herbsttraum mit aktiven Naturerlebnissen und ersten Nordlichtern.

Lappland im Herbst ist ein Paradies für aktive Naturfans und Ruhesuchende. Tagsüber locken Abenteuer und Genuss, abends die Sauna, nachts Nordlichter.

Die Nachbarn sind schon wach. Davon zeugt ein feines Bimmeln. Sonst ist es still an diesem frühen Septembermorgen in Finnisch-Lappland, 120 Kilometer oberhalb des Polarkreises. Auf den Heidelbeeren vor unserem Blockhaus glitzert der Tau, wir geniessen sie direkt ab Strauch zu einer Tasse Kaffee. Saftig und süss liegen sie auf der Zunge, während die Morgensonne unsere Haut wärmt.

Jetzt erheben sich auch die Nachbarn. Acht stattliche Rentiermännchen mit mächtigen Geweihen betrachten uns eine Weile aufmerksam und traben dann in den Wald. «Diese Machos!», sagt unser Guide Tuomas und lacht. «Jetzt, während der Ruska, sind sie so zutraulich wie überheblich. Bald werden sie ihr Geweih beim Kampf um die Weibchen abwerfen.» Tuomas ist hier aufgewachsen und kennt die Region wie seine Westentasche.

Herbsttraum im Zauberwald

Mit «Ruska» meint er den lappländischen Indian Summer, wenn die Farben in der letzten Wildnis Europas explodieren, sich die Wälder leuchtend gelb und die Fjälle rötlich färben, die unzähligen Seen samt schwarz schimmern und abends die ersten Nordlichter am Himmel flackern. «Ruska ist wie ein Dessert, das den Hauptgang des Sommers noch toppt», findet der junge Finne und entführt uns ins Farbenmeer.

Wir wandern durch einen Zauberwald auf den Keimiötunturi im Pallas-Yllästunturi-Nationalpark. Die klare Luft füllt unsere Lunge, die Stille schmeichelt unseren Ohren, neunzehn Rentiere kreuzen unseren Weg, aber keine Menschenseele. Am Wegrand entdecken wir Pilze, kunstvolle Flechten, kreativ geschwungene Birkenstämme. Auf der Anhöhe breiten die Heidelbeersträucher einen roten Teppich aus, auf dem wir leichtfüssig federn. Tuomas schenkt heissen Beerensaft in unsere Kuksas, die traditionellen Holztassen, schneidet getrocknetes Rentierfleisch auf und reicht dazu würziges Schwarzbrot, das seine Frau selber gebacken hat. Wir können den Blick nicht abwenden von der Seenlandschaft unter uns, wild und weit und still liegt sie da.

Hygge und hoffnungsvoll am Abend

Abends, vollgetankt mit Frischluft und Farben, geben wir uns in der Sauna der wohligen Wärme hin und schauen immer wieder durchs kleine Fenster: Ob sich heute das erste Nordlicht zeigen wird? Laut Prognose des Kontiki-Nordlichtalarms ist die Chance für diese Nacht gering, aber hoffen darf man ja. Bis spät in der Nacht sitzen wir vor dem prasselnden Kaminfeuer und geniessen das hygge nordische Lebensgefühl.

Das Nordlicht lässt sich Zeit, auch in den kommenden Tagen. Wir pflücken Unmengen von Heidelbeeren und backen einen Kuchen nach altem finnischen Rezept, kurven mit dem Fat-Bike durch den Wald, rudern über den See, marschieren mit Tuomas zum Häuschen seines Grossvaters, eines ehemaligen Fischers, am Fluss, werfen selber die Angelrute aus und braten unseren Fang über dem Feuer.

Saunieren wie die Einheimischen

In einer Rauchsauna irgendwo im Nirgendwo werden wir in die Geheimnisse des finnischen Saunierens eingeweiht, und wie die Einheimischen rennen wir nach jedem Gang Richtung Bach und waten bis zu den Knien durchs Wasser. An einem Abend schippern wir im kleinen Motorboot ein gutes Stück auf dem Fluss, während der Himmel sich lila verfärbt und die Sonne hinter den dunklen Tannen verschwindet. Nur Grün wird es nicht. «Die Aurora ist eine Diva, manchmal braucht es Geduld», sagt Tuomas.

In Inari hoch im Norden, am «Heiligen See» der Sami gelegen, lernen wir im Siida-Museum die Geschichte der indigenen Bevölkerung kennen und die reiche Natur- und Tierwelt im nördlichsten Teil Europas. Und genau hier, in Inari, hat es sich die Diva anders überlegt. Just über dem See zeichnet sie einen gigantischen Schweif, einem grünen Regenbogen gleich. Das Nordlicht flackert am Himmel, wird immer intensiver, spiegelt sich im Wasser und wir vergessen vor Entzücken beinahe ein Foto zu machen.

Tuomas nickt zufrieden: «So ist das. Ruska vereint das Beste aus zwei Jahreszeiten – helle Tage und grüne Abende.» Am letzten Tag trennen uns kurze dreieinhalb Stunden von Zürich, kaum vorstellbar. Vor unserem Direktflug ab Kittilä gönnen wir uns das letzte Stück Heidelbeerkuchen, schmecken die Sonnenkraft des Spätsommers bei jedem Bissen, und als wir durchs Flugzeugfenster einen letzten Blick auf die gelben Wälder werfen, stimmen wir Tuomas zu: Ruska ist ein unwiderstehliches Dessert!

zu den RUSKA-Reisen 

Text: Franziska Hidber

 

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