Nordisland: Hier ist alles möglich

Zwischen mächtigen Wasserfällen, bizarren Kratern, Walen und vulkanischen Landschaften macht sich Staunen breit – und die Energie der Elfen.

Niemand sagt ein Wort. Nur Bryndis flüstert: «Legt die Hände auf den Stein und fühlt die Energie.» Bryndis ist Isländerin und hellsichtig, sie kann die Elfen sehen und mit ihnen sprechen. Noch vor einer Woche hätte ich ihre Worte als Unsinn abgetan. Aber wir befinden uns im Nordosten Islands, beim Elfenstein oberhalb des Dörfchens Laugar, und wenn ich in den letzten Tagen etwas gelernt habe, dann dies: Hier, im Norden Islands, nahe beim Polarkreis, ist alles möglich. Ich lege meine Hände auf den kühlen Stein an diesem sonnigen Augustabend und werde erfasst von einer geheimnisvollen Energie, die mich und die anderen Gäste sprachlos macht. Einmal mehr.

Wortlos in der Vulkanlandschaft

Denn schon als wir nach einem steilen Aufstieg auf der Krete des Hverfalls im Myvatngebiet gestanden sind, fehlten uns die Worte. Kein Wunder, der 160 Meter hohe Tuffring mit einem Kilometer Durchmesser zählt zu den schönsten und grössten Explosionskratern der Welt. Ergriffen betrachteten wir die Mondlandschaft, die sich unter uns ausbreitete: die Kraterreihe Lúdentarborgir, Lavaformationen von vulkanischer Schönheit, der Mückensee, das Hochland in der Ferne.

Später tauchten wir ins märchenhaft verwunschene Lavafeld «Dimmuborgir» ein, wanderten zwischen schwarzen bizarren Lavagebilden und glaubten lauter Fabelwesen zu sehen. Unser Guide Trausti Bergmann schüttelte den Tropf: «Es sind versteinerte Trolle und Elfen, die es nicht rechtzeitig in die Höhle geschafft haben und vom Sonnenlicht getroffen wurden», erklärte er mit einem Augenzwinkern. In den «verborgenen Burgen» sollen besonders viele Elfen leben – Bryndis sagt, sie könne ihre Anwesenheit fühlen.

Auch der Mückensee mit seinen unzähligen Vogelarten fand uns sprachlos. Der viertgrösste See Islands, geformt beim Ausbruch der Kraterreihe vor 1500 Jahren, kam uns vor wie ein Kunstwerk von einem anderen Stern. Aus gutem Grund wurden hier etliche Szenen von «Game of Thrones» gedreht.

Während am Mückensee unzählige Vogel- und Entenarten für liebliche Begleitmusik sorgten, zog uns der Dettifoss mit seinem mächtigen Tosen in seinen Bann. Das Wasser des energiereichsten Wasserfalls Europa stürzt rund 44 Meter in die Tiefe, die Gischt nässte unsere Haare, Gesicht und Arme. «Hier stand ich schon als Kind», schrie Kristinn Ingi Pétursson, der einheimische Tourenführer, gegen das Rauschen an, «seine Kraft überwältigt mich jedes Mal von neuem. Es ist, als lade der Dettifoss meine Batterien auf». Ähnlich empfindet es Hjalti Páll Thorarinsson, Manager bei Visit North Iceland und ebenfalls in der Region aufgewachsen. Früher war er als Tourguide oft mit Gästegruppen ins Hochland unterwegs, am liebsten zum Vulkan Askja: «Das waren lange und anstrengende Tage. Aber immer, wenn ich zurückkam, fühlte ich neue Energie!»

Allgegenwärtig: die Energie der Elfen

«Die Energie der Elfen», nennt es Bryndis. Ja, auch wir spüren sie. Im Krafla-Vulkangebiet zum Beispiel, bei den zischenden, blubbernden und dampfenden Schlammtöpfen, die bis 100 Celsius heiss werden können. Im nahen Naturbad mit seinem hellblauen Wasser, das uns mit entspannenden 40 Grad verwöhnt – Sonnenuntergang über der Vulkanlandschaft inklusive. Während der Walsafari in der «Walbeobachtungsstadt» Húsavík, als das Boot schon wieder Kurs Richtung Hafen aufgenommen hat und unvermittelt die Flosse eines Buckelwals direkt vor dem Bug auftaucht. Und auf dem Weg nach Akureyri beim Götterwasserfall Godafoss inmitten von Felsformationen, wo das Wasser elegant in die kristallblaue Lagune mündet. 

Nach der Passfahrt, die ans Engadin erinnert, verstummen wir beim Anblick des tiefblauen Eyjafördurs und der «Hauptstadt des Nordens» erneut. Akureyri, am 65. Nördlichen Breitengrad und direkt am Fjord gelegen, auch «Perle des Nordens» genannt, knapp 19 000 Einwohner, überrascht uns kurz darauf mit seinen bunten Häusern, kreativ gestalteten Cafés, einem breiten, international beachteten Museumsangebot – und seiner Akureyrarkirkja, der kleinen Schwester der Hallgrímskirkja in Reykjavík. 
Am meisten aber mit der «isländischen Mona Lisa» im Kunstmuseum, zu der Kurator Hlynur Hallson mich führt: Das berühmteste Werk des isländischen Malers Kjarvel zeigt nicht etwa eine lächelnde Frau, sondern die Natur im Nationalpark Thingvellir im Süden der Insel. Hallson lacht herzlich über meine Verblüffung: «Wir sind in Island – da ist alles möglich.» 

Franziska Hidber, Journalistin BR, ist als Reporterin für das Nordland-Magazin von Kontiki seit rund zehn Jahren leidenschaftlich gern im Norden unterwegs, darunter dreimal in Nordisland – ihre erklärte Lieblingsregion auf der Vulkaninsel.

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