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OPA-KOLUMNE

Rock'n'Roll fürs Kinderzimmer

Geben Sie es zu: Es fasziniert Sie, dass ich ein schwuler Grossvater bin.

Nun ist es hochoffiziell - ich bin Opa. Meine erste Kolumne hat überraschend grossen Zuspruch erhalten. Darüber habe ich mich natürlich sehr gefreut, aber auch gewundert.

Denn zuvor dachte ich, dass es nichts Besonderes ist, wenn ein alternder Mensch einen Kinderwagen über die Trottoirs karrt.

Denn, mit Verlaub: Dabei verströmt man etwa gleich viel Sexyness wie mit einer Familienpackung Klopapier unterm Arm. Die vielen Zuschriften aber skizzieren ein anderes Bild, folgende Punkte könnten dafür verantwortlich sein:

A: Kein anderer Opa ist so witzig, so klug und so schön wie ich. Stichwort: Bild oben, Selbstironie.

B: Ein Mann wagt sich tatsächlich an Windeln und fasst sich ein Herz für Kinder. Welch ein Wunder! Er kocht für sie, er hegt, pflegt, macht also das, wofür der Name Opa hauptsächlich steht: Oldie packt an. Stichwort: Geschlechterrollen, Gleichstellung.

C: Die vielen Opas und Omas dieser Welt bekommen endlich eine Stimme. Schliesslich tragen sie viel dazu bei, dass junge Familien überhaupt funktionieren - auch dafür, dass sich Mamas und Papas nicht komplett in Erziehungsfragen verlieren und dabei ihre Beziehung vergessen. Stichwort: Dienstleister, Familienbande, Erotik in der Beziehung.

D: Es fasziniert, wie sehr das Leben mit mir Monopoly spielt - mich also erst schwul durch die Welt laufen lässt und mich dann doch ohne In-Vitro-Zaubereien zum Occasions-Opa macht. Sie erinnern sich vielleicht, mein Lebenspartner brachte drei Kinder in unsere Beziehung. Stichwort: Exotik, Patchwork-Durcheinander, aber nei au!

So gerne ich die Faszination Punkt A zugeschrieben hätte - weit wahrscheinlicher gründet sie in Punkt D. Denn die Menschen denken - auch Sie? -, dass Regenbogenfarben ein Leben selbstredend bunter macht.

Ich muss Sie aber enttäuschen: Ein schwules Leben ist grauer, als sie es sich ausmalen und es mir lieb ist. Will heissen: Ich schlage am Sandkasten keine Purzelbäume oder singe meine Enkel nicht mit der Schwulenhymne meiner Jugend, YMCA, in den Schlaf.

Meine Aufgaben sind austauschbar und die Ansprüche meiner Enkel wahrscheinlich gleich wie jene ihrer Kleinen: Was wiederum stark für Punkt C spricht. Was das alles mit meinem Opasein zu tun hat? Nichts und doch vieles.

Wenn man nicht in der Mitte der Gesellschaft hinein geboren wird, muss man seinen Weg zwangsläufig selber suchen und finden. Diese Freiheit, sich selber zu erfinden, ist zwar anspruchsvoll, aber rückblickend ein Segen.

Normen taugen in solchen Lebenskonzepten wenig, man muss - oder zumindest: man sollte - sich andere Massstäbe ausdenken. Und genau das möchte ich meinen Enkeln vorleben: Sie dazu ermuntern, Dinge und Dogmen zu hinterfragen, all das wegzulassen, was ihnen nicht entspricht, gängige Ziele (der Eltern) durch ihre eigenen zu ersetzen.

Ich propagiere sozusagen Anarchie im Kinderzimmer: mehr Rock´n´Roll in der Pädagogik, weniger Gehorsam. Daran sollen sich Nora, Béla, Yara und Emma in zwanzig, dreissig Jahren erinnern, wenn ich schon längst aus ihrem Leben verschwunden bin - und nicht ans Windelwechseln, ans Kochen, an die vielen gemeinsamen Ausflüge.

Hallt diese Botschaft ein klein bisschen nach, habe ich meine Aufgabe als Opa gut gemacht - egal, was sie damit anstellen. Das ist mein Hauptanliegen. Nicht mehr und nicht weniger.

In den kommenden Wochen werde ich an dieser Stelle regelmässig über meine Erlebnisse als Opa berichten, über die damit verbundenen Freuden und Prüfungen. Und natürlich werden ich Sie mit meiner Liebe zu den vier Enkeln fluten, zu Nora, Emma, Béla und Yara. Die Älteste ist im Januar Fünf geworden, die Kleinste ist 15 Monate alt. Sie sind die süssesten Enkel dieser Welt, nein des ganzen Universums! Ihre natürlich ausgenommen.

"Alter schützt vor Liebe nicht - aber Liebe vor dem Alter", sagte einst Coco Chanel. Roland Grüter (57), zählt die Liebe zu seinen vier Enkeln mit dazu. Er ist freischaffender Journalist, Mitinhaber des Start-ups Chefredaktion GmbH mit Sitz in Zürich und lebt mit seinem Partner in einer wilden Patchworkfamile. Seine Opa-Kolumne erscheint zwei Mal monatlich.