So können wir voneinander lernen

Eugen Kiener sorgt für seine betagten Eltern, achtet aber auch auf sich. Unterstützung erhält er im Care-Giver Netzwerk des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK).

Den Kieners ist soziales Engagement sehr wichtig. Der heute 90-jährige Eugen Kiener Senior war Gemeindepräsident von Fulenbach im Kanton Solothurn. Dort hat er seine Frau Lucie - ebenfalls 90 Jahre alt - in der Primarschule kennengelernt. Dank der Unterstützung ihres Sohnes können sie heute immer noch in ihrem Familienhaus wohnen.

Der Sohn heisst gleich wie der Vater. Er erzählt, dass er vor der Pensionierung für Samariter Schweiz in Olten gearbeitet hat. Mit 61 Jahren konnte er sich frühpensionieren lassen, auch weil er noch in einem kleinen Pensum als Laienrichter tätig war. Bis vor zwei Jahren war er ausserdem in Olten politisch aktiv. Doch allmählich besuchte er immer öfter seine Eltern. Als 67-jähriger alleinstehender Mann hatte er mehr Zeit als sein jüngerer Bruder und seine jüngere Schwester. Mittlerweile besucht Eugen Kiener Junior seine Eltern mit dem Velo bis vier Mal pro Woche: «Mein Training!». Er verbringt jeweils den ganzen Tag im Elternhaus. Er pflegt den Garten, besorgt den Einkauf, kümmert sich mit seiner Mutter um die Rechnungen, zieht seinem Vater die Antithrombose-Strümpfe aus oder legt mal einen Verband an. Eugen Kiener Junior wurde immer mehr unersetzlich im Alltag seiner Eltern. «Ich überwache immer alles ein bisschen. Oft gibt es Diskussionen im Zusammenhang mit dem Haus. Zum Beispiel, ob der Heizkessel gewechselt oder welche Waschmaschine gekauft werden sollte», erklärt er. Obwohl die Eltern auch Unterstützung von der Spitex erhalten, bestätigt Lucie Kiener nachdrücklich: «Ohne meinen Sohn könnten wir nicht mehr hier leben.»

Erkenntnisreicher Austausch

Eugen Kiener ist ein gut informierter pflegender Angehöriger. Bei Samariter Schweiz gehörte er zur Projektgruppe Freiwillige soziale Hilfe und er ist Präsident einer Organisation, die sich mit Fragen des Alters befasst. Als das SRK Kanton Solothurn den Kurs Angehörige betreuen und pflegen lancierte, nahm er daran teil. «Die pflegenden Angehörigen, die ich im Kurs kennengelernt habe, sind nicht alle in einer so guten Situation wie ich. Entweder in finanzieller Hinsicht oder in Bezug auf die körperliche und psychische Belastung», schildert er. Es sind überwiegend Frauen und einige sind in einer schwierigen Lebenssituation gefangen. Wie die 80-jährige Frau, deren Mann zu ihr sagte: «Ich brauche keine Spitex, du machst das sehr gut!»

Im Kurs lernte Eugen Kiener Junior unter anderem, dass man die unterstützte Person nicht an ihre Schwächen erinnern soll. Stellt beispielsweise ein betagter Mensch mehrmals dieselbe Frage, ist es besser, ihn nicht darauf hinzuweisen. Es wurde ihm zudem bewusst, dass er sich genug Zeit für sich selber nehmen muss. Auch dazu darf er die Entlastungsdienste des SRK in Anspruch nehmen. Dies hat ihn bestärkt. In diesem halben Jahr gelang es ihm bereits zweimal, zu sagen: «Jetzt verreise ich eine Woche!» Seine Eltern akzeptierten es gut.

Ein bisschen streng sein

Was ist seine Erkenntnis, um weiterzumachen? «Man muss lernen, manchmal streng zu sein mit seinen Eltern. Auch wenn man sie liebt», sagt er und schaut dabei seine Mutter an, die lacht: «Eugen ist sehr freundlich!» Eugen Kiener empfindet es als sehr befriedigend, für seine Eltern zu sorgen. Doch als sein Vater letztes Jahr ins Spital musste und seine Mutter wollte, dass er die ganze Zeit bei ihr bleibt, musste er ablehnen, um nicht alle seine geliebten Freizeitaktivitäten aufzugeben. Diese geben ihm Kraft. Auch deshalb geht es ihm momentan gut. Doch die Frage, was noch alles kommen könnte, geht ihm dennoch im Kopf herum.

Care-Giver Netzwerke

Pflegende und betreuende Angehörige finden beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) Entlastung und hilfreiche Informationen. Im Rahmen der Care-Giver Netzwerke des SRK finden regelmässige Austauschtreffen statt. Dies gibt es zurzeit in den Kantonen Basel-Landschaft, Uri, Schwyz und Solothurn.

Weitere Informationen:  betreuen.redcross.ch

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