Was ein Gehör und ein Gehirn gemeinsam haben

Was ein Gehör und ein Gehirn gemeinsam haben
Was ein Gehör und ein Gehirn gemeinsam haben (Bild Kyle Smith on Unsplash)
An was denken Sie, wenn Sie das Verb «hören» lesen? Wohl zuerst an Ihre Ohren. Oder haben Sie vielleicht an das Gehirn gedacht?

Fragt unsere Kolumnistin Dr. Barbara Studer. Falls ja, ist das sehr berechtigt, weil Hören mindestens genauso viel mit den Gehirn zu tun hat wie mit den Ohren. Und somit hat auch ein Gehörverlust viel mit der Gehirngesundheit zu tun: Tatsächlich zählt eine nicht versorgte Altersschwerhörigkeit zu den Hauptrisikofaktoren für Demenz oder Altersdepression. Und weil Untersuchungen zeigen, dass mit 65 Jahren im Durchschnitt jede dritte bis vierte Person schwerhörig ist, ist das Thema Hören und Hörverlust ein sehr ernstzunehmendes Thema.

Doch fangen wir von vorne an. Wie funktioniert unser Hörsinn, der uns ermöglicht, unsere Aussenwelt und Mitmenschen akustisch wahrzunehmen und zu verstehen? Das Ohr, genauer gesagt das Aussenohr mit der Ohrmuschel, das Mittelohr mit dem Gehörgang, und das Innenohr, sind für die Aufnahme der akustischen Reize verantwortlich. Ab dort werden die Schallwellen in der Gehörschnecke in elektrische Signale umgewandelt, damit sie so durch den Hörnerv in das Gehirn gelangen. Das Signal wird dort durch die Hörbahn an das für die Verarbeitung zuständige Areal im Grosshirn weitergeleitet. Eines davon ist die primäre Hörrinde, auch Heschl-Querwindungen genannt, welche die Informationen aus der Hörbahn sammelt und verarbeitet. Für den zweiten Schritt der Verarbeitung, nämlich die Interpretation des Gehörten, ist dann die sekundäre Hörrinde, auch Wernicke-Areal genannt, zuständig.  Die Interpretation dort geschieht durch die Verknüpfung mit dem Sprachverständnis.

Um eine angemessene Verarbeitung des Gehörten zu gewährleisten, muss das auditive System vier Aufgaben erledigen: Die Lokalisation des Tones, d.h. von wo der Ton kommt, die Differenzierung zwischen Tönen, d.h. was wurde genau gesagt, die Interpretation der Tonquelle, d.h. was für einen Ton habe ich genau gehört, und letztendlich die Speicherung der Information. Wenn eine oder mehrere dieser Funktionen ausfallen, führt dies zu Hörverlust oder Schwerhörigkeit.

Hören ist somit ein sehr komplexer Vorgang, der unser Gehirn optimal stimuliert und aktiviert. Doch ab etwa 50 Jahren lässt das Gehör nach und die Wahrscheinlichkeit erhöht sich, Probleme mit dem Gehör zu entwickeln. Grund dafür sind meistens die Beschädigung der Haarzellen im Innenohr, welche die Schallwellen in elektrische Impulse umwandeln. Dadurch kann das Hörsignal nicht richtig verarbeitet werden. Das Gehirn gewöhnt sich an die geringeren akustischen Impulse, und entsprechend passt es sich an, was den Hörverlust beschleunigt.  So nimmt auch die Verarbeitung der Reize in der sekundären Hörrinde und dem Sprachzentrum ab, die Leistungsfähigkeit des Gehirns wird beeinträchtigt und das Entstehen von Demenz begünstigt. Noch schlimmer für das Gehirn ist es, wenn die betroffenen Personen sich aus Scham oder Resignation auch noch sozial zurückziehen.

Doch viele Menschen merken erst, dass sie schlechter hören, wenn sie von Menschen aus dem Umfeld darauf aufmerksam gemacht werden. Selbst gewöhnt man sich an die etwas leiser gewordene Umgebung und stellt den Radio und Fernseher halt einfach etwas lauter ein.

Daher möchte ich Sie einerseits ermutigen, Ihr Hörvermögen gut zu «beobachten» und regelmässig zu testen, damit Sie Hörverlust frühzeitig erkennen. Bei Gehörverlust sollte man so schnell wie möglich ein Hörgerät kaufen, um den negativen Einfluss der Hörschwäche auf das Gehirn und die Psyche zu minimieren.

Und andererseits möchte ich Sie ermutigen, Gehörverlust vorzubeugen, indem Sie bewusst Lärm vermeiden, einen gesunden Lebensstil pflegen, und Ihren Hörsinn regelmässig aktivieren und trainieren, zum Beispiel mit folgenden Übungen:

  • Lauschen Sie mit geschlossenen Augen verschiedenen Geräuschen (z.B. draussen im Garten, in der Stadt).  Versuchen Sie, die jeweilige Geräuschquelle zu identifizieren und zu orten.
  • Hören Sie Musik- oder Orchesteraufnahmen mit verschlossenen Augen und versuchen Sie, die verschiedenen Instrumente möglichst eindeutig zu erkennen. Variieren Sie zudem die Lautstärke der Musik.
  • Bitten Sie jemanden, Ihnen aus einem Buch vorzulesen und dabei im Raum herumzugehen. Schliessen Sie Ihre Augen und hören Sie aufmerksam zu. Versuchen Sie, herauszufinden, wo die Worte herkommen, indem Sie mit der Hand in die entsprechende Richtung zeigen. Wiederholen Sie zudem die Sätze, die Sie hören.

Und zu guter Letzt: In Studien konnte gezeigt werden, dass ein Training der Aufmerksamkeit und des Gedächtnisses die Probleme von Hörverlust kompensieren konnte. D.h. genauso, wie ein gutes (oder mit einem Hörgerät unterstütztes) Gehör gutes Gehirntraining ist, ist umgekehrt auch Gehirntraining für das Hören dienlich.

Mit anderen Worten, ein gutes Gehör braucht nicht nur gesunde Ohren, sondern auch ein fittes Gehirn.

Gerne unterstützen wir Sie in Ihrer Hirnfitness: Mehr Informationen unter www.hirncoach.ch

Dr. Barbara Studer ist Neuropsychologin, Dozentin an der Universität Bern und Geschäftsführerin der hirncoach GmbH.

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