So lassen sich Schlafstörungen behandeln

So lassen sich Schlafstörungen behandeln
Die Umstellung auf die Sommerzeit ist Stress für den Körper.
Über Sommerzeit und Schlaf-Machos: Wie unser Körper durch den Wechsel auf die Sommerzeit beeinflusst wird, weiss Christian Cajochen.

Annika Bangerter hat den Leiter der Abteilung Chronobiologie an den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel für die «Schweiz am Wochenende» befragt. 

Herr Cajochen, sind Sie Lerche oder Nachteule, Früh- oder Spätaufsteher?
Ich bin eine Eule, die mit zunehmendem Alter etwas mehr in Richtung Lerche tendiert. Ging ich früher um zwei Uhr morgens ins Bett, schlafe ich heute am liebsten um Mitternacht ein.

Welcher Chronotyp ist häufiger?
Das ist je nach Land unterschiedlich. In der Schweiz ist die Mehrheit nicht so "eulig" wie andernorts. Wir stehen eher früh auf. Unabhängig vom Ort spielt das Alter eine grosse Rolle: Sind etwa 80 Prozent der Teenager Eulen, gibt es unter den 90-Jährigen mehr Lerchen. So wie wir im Alter alle ein bisschen graue Haare bekommen, verschiebt sich auch der Zeitpunkt des Aufwachens. Wieso das so ist, wissen wir nicht.

Weshalb gibt es zwischen Ländern Unterschiede?
Unser Schlafrhythmus hängt vom Alter, von der Genetik und von der Lichtexposition ab. Je näher man am Äquator wohnt - wo die Sonne stets um etwa 5 Uhr aufgeht, desto eher wird man zum Morgentyp. Das Tageslicht ist essenziell für unsere innere Uhr. Darüber wird unser Rhythmus justiert.

Dieses Wochenende haben wir die Uhren vorgestellt. Wer profitiert, wer leidet?
Im Frühling profitiert niemand, weil wir eine Stunde kürzer schlafen. Wir erleben einen kurzen kollektiven Jetlag. Extreme Abendtypen brauchen etwas länger, um sich wieder anzupassen. Viele Menschen gehen aber an den Wochenenden aus und bleiben bis tief in die Nacht wach. Das ist für den Körper weitaus anstrengender als eine Zeitverschiebung von einer Stunde.

Das EU-Parlament prüft die Abschaffung der Sommerzeit. Wozu raten Sie?
Für die Sommerzeit spricht, dass es morgens beim Aufstehen bereits hell ist und abends relativ spät eindunkelt. Das entspricht eher dem Aktivitätsrhythmus der Mehrheit von uns. Die Angleichung bedingt aber eine Umstellung - was der Körper des Menschen nicht mag. Deshalb passieren bei jener im Frühling mehr Unfälle, und Herzkreislaufschwierigkeiten treten häufiger auf. Bei der Zeitumstellung im Herbst verhält es sich genau umgekehrt. Auf das Jahr betrachtet, ist es also ein Nullsummenspiel. Die Sommerzeit verkam zu einem Politikum, für mich ist sie aber nicht wirklich ein Thema.

Im vergangenen Jahr bekamen US-Chronobiologen den Nobelpreis für Medizin für ihre Forschung zur inneren Uhr. Wie funktioniert sie?
Jede Zelle hat eine Art Uhr in sich. Die Wissenschafter haben nachgewiesen, dass zwei spezielle Gene für den Zeitmesser verantwortlich sind. In jeder Zelle wird auch gearbeitet; diese Gene strukturieren die Abläufe. Die Lebewesen haben über Jahrtausende gelernt, dass es in der Nacht kälter und dunkel ist, am Tag hingegen wärmer und hell. Auch die Zellen haben das verinnerlicht, wodurch sie sogar planen können.

Wer zu wenig schläft, riskiert Herzprobleme oder Diabetes. Sie forschen auch zu psychischen Erkrankungen. Wobei steigt hier das Risiko?
Fehlt der Schlaf, wird man dünnhäutiger und unkonzentriert. Im schlimmsten Fall führt der Mangel zu einem Burnout oder einer Depression. Psychisch kranke Menschen leiden meistens an Schlafstörungen. Die Botenstoffe im Gehirn, die verantwortlich dafür sind, wie wir uns fühlen, haben auch Einfluss auf den Schlaf-Wach-Rhythmus. Wo das Huhn respektive das Ei liegt, wissen wir nicht.

Depressionen werden auch mit Schlafentzug therapiert. Weshalb ist das nun gesund?
Schaffen es Medikamente nicht, jemanden aus der Depression herauszuholen, kann eine Wachtherapie helfen. Dabei schlafen die Patienten 40 Stunden lang nicht. Erstaunlicherweise funktioniert das, weshalb wissen wir noch nicht. Es könnte mit einem veränderten Haushalt der Botenstoffe zusammenhängen. Diese Therapie wirkt zwar akut - und schneller als Antidepressiva -, verpufft aber mit dem ersten Schlaf wieder. Um dem entgegenzuwirken, hilft eine morgendliche Lichttherapie. Dadurch lässt sich die antidepressive Wirkung aufrechterhalten.

Lassen sich auch andere psychische Krankheiten mit Licht und Schlaf therapieren?
Ursprünglich wurde die Lichttherapie eingesetzt, um saisonal Depressive zu heilen. Also bei Menschen, die im Herbst, wenn die Tage kürzer werden, in eine Depression rutschen. Dabei liegt die Erfolgsquote der Lichttherapie bei 65 Prozent, was vergleichbar mit jener von Antidepressiva ist. Das Ziel ist, bei anderen Krankheitsbildern das Licht zu nutzen. Gerade bei schwangeren Frauen, die auf Medikamente verzichten sollten, ist das ein interessanter Ansatz. Obwohl die Versuche erfolgversprechend sind, fehlt eine Lobby. Die Pharma-Firmen interessieren sich nicht dafür.

Auch die Bedeutung des Schlafs ist noch nicht in der Leistungsgesellschaft angekommen. Politiker und Manager brüsten sich, dass sie mit wenigen Stunden auskommen. Nehmen Sie ihnen das ab?
Nein, den meisten nicht. Es gibt zwar ein Prozent der Menschen, denen als Kurzschläfer vier Stunden Schlaf reicht. Doch die meisten sind wohl Angeber. Weil es vor allem Männer sind, nennen wir das Phänomen Schlaf-Machismo.

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