Erektionsstörungen nicht ignorieren

Erektionsstörungen treten in jedem Alter auch, nicht erst ab 50.
Erektionsstörungen treten in jedem Alter auch, nicht erst ab 50.
Für betroffene Männer lohnt es sich, Probleme mit der Potenz untersuchen zu lassen. Oft steckt eine Krankheit dahinter. Ein Gespräch mit dem Sexualmediziner Dr. Christian Neuhof.

Dr. Neuhof, sind Erektionsstörungen ab einem gewissen Alter nicht normal?
Sicherlich spielt bei Erektionsstörungen das Alter eine Rolle. Gerade je älter jemand ist, desto grösser ist aber auch die Möglichkeit, dass eine körperliche oder psychische Erkrankung dahinter steckt.

Welche Krankheiten können das sein?
Vor allem für das Gefässsystem bilden Erektionsstörungen ein Frühwarnsystem. Bilden sich Kalkablagerungen an den Gefäßwänden, beeinträchtigt das die Durchblutung und damit die Erektionsfähigkeit. Vor allem bei Diabetes kommt es häufig zu solchen Ablagerungen. Oft treten Erektionsprobleme aber auch in Zusammenhang mit Harnwegserkrankungen auf, insbesondere bei einer Vergrößerung der Prostata. Zudem können hormonelle Störungen, etwa ein Testosteronmangel, eine Rolle spielen. Und etwa die Hälfte der Patienten mit einer Depression besitzt gleichzeitig eine sexuelle Funktionsstörung.

Was ist mit Medikamenten?
Auch bestimmte Medikamente können das sexuelle Begehren beeinflussen und zu Erektionsstörungen führen. Vor allem einige Präparate aus der Gruppe der Blutdrucksenker und Antidepressiva.

Was können Patienten tun? Die Tabletten einfach weglassen?
Auf keinen Fall. Bluthochdruck zum Beispiel kann langfristig einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zur Folge haben. Hier die verschriebenen Medikamente wegzulassen, kann also gefährlich sein. Stattdessen sollten Patienten mit dem Arzt abklären, welche Alternativen es gibt. Bei den Blutdrucksenkern gibt es zum Beispiel Präparate, die gar keinen oder zum Teil sogar einen positiven Einfluss auf die Sexualität haben.

Scheuen sich die Männer nicht, mit ihrem Hausarzt über Erektionsstörungen zu reden?
Hier hat in der Vergangenheit durchaus eine positive Entwicklung stattgefunden. Vor allem jüngere Männer haben keine grosse Hemmschwelle, über das Thema zu reden. Bei Älteren ist es vielleicht eher noch mit Scham besetzt.

Und was würden Sie denen sagen?
Sie sollten sich vor Augen halten, dass sie mit diesem Problem nicht allein sind. Etwa die Hälfte der über 60-Jährigen hat Erektionsstörungen. Sie sind also nicht die einzigen, die damit zum Arzt gehen. Ausserdem lohnt es sich, die Vorteile zu sehen: Wenn bei der Untersuchung die auslösende Erkrankung rechtzeitig erkannt wird, lässt sich Schlimmeres oft vermeiden. Ausserdem ist eine funktionierende Sexualität gut für diePaarbeziehung.

Apropos Paarbeziehung: Wie spricht denn eine Frau am besten ihren Partner darauf an, seine Erektionsstörung untersuchen zu lassen?
Auf jeden Fall nicht mit Klagen oder Vorwürfen. Besser dem Partner sagen, dass man etwas vermisst und sich wieder wünscht, was Nähe und schöne Gefühle gebracht hat. Im Übrigen sind die Erfolgsaussichten bei der Therapie gröser, wenn die Frau mit im Boot ist und zum Beispiel bei den Arztbesuchen mit dabei ist.

Warum ist das so?
Wenn der Mann nicht glaubt, seine Tabletten heimlich schlucken zu müssen, vermeidet das negative Gedanken, die das sexuelle Empfinden beeinträchtigen können. Der Kopf ist immerhin unser stärkstes Sexualorgan.

Wie läuft die Therapie ab?
Unterschiedlich, je nach Patient und Auslöser. Wenn eine organische Krankheit die Erektionsstörungen verursacht, muss diese behandelt werden. Oft sind aber psychische Auslöser vorhanden oder mit beteiligt, dann ist eine Beratung oder Sexualtherapie hilfreich. Ausserdem kann der Arzt Medikamente oder eine Vakuumerektionshilfe verschreiben. Bei schweren Fällen kann per Operation ein Schwellkörperimplantat eingesetzt werden.

Wie stehen denn die Erfolgschancen bei der Behandlung?
Ausserordentlich hoch, wobei das natürlich vom Einzelfall abhängt. Insgesamt haben wir eine Erfolgsrate von etwa 70 Prozent. Wenn psychische Probleme der Auslöser sind, sogar noch mehr. Schwieriger ist es bei einem Typ-2-Diabetes. Hier haben sich oft seit vielen Jahren unbemerkt Ablagerungen in den Gefässen gebildet. Erschwerend kommt hinzu, dass bei vielen Patienten nicht nur die Zuckerwerte im Blut zu hoch sind, sondern auch der Cholesterinspiegel und der Blutdruck. Aber auch wenn ein Diabetes hinter den Erektionsproblemen steckt, ist oft eine erfolgreiche Behandlung möglich.

Es lohnt sich also, Erektionsstörungen nicht einfach zu ignorieren?
Ja, man sollte sie in jedem Alter hinterfragen. Zwischen der sexuellen Gesundheit und dem allgemeinen Gesundheitszustand gibt es einen engen Zusammenhang. Nicht nur, weil hinter einer Störung Krankheiten stecken können. Wer sexuell aktiv ist, ist oft auch zufriedener im Leben.

Dr. Christian Neuhof ist Facharzt für Innere Medizin und Psychotherapie mit sexualmedizinischem Behandlungsschwerpunkt in Hannover


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