NEUE POLIZEIKAMPAGNE

Erhöhte Gefahr für Senioren

Auf ältere Menschen wird im Strassenverkehr nie so viel Rücksicht genommen wie auf Kinder.

Senioren geniessen zu wenig Aufmerksamkeit im Strassenverkehr. Das findet die Kantonspolizei Zürich und will Autofahrer sensibilisieren. Aber auch ältere Menschen werden in die Pflicht genommen, schreibt Florian Schoop auf «nzz.ch».

Grauer Star, grüner Star und Erblindungen des zentralen Sehens. Aber auch Parkinson, Arthrosen, Aufmerksamkeitsstörung durch Medikamenteneinnahme und Demenz. Es ist ein geballter Gefahrenkatalog, den Rolf Seeger vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich anlässlich einer Medienkonferenz zum Thema «Senioren im Strassenverkehr» erstellt.

Er sieht Rentnerinnen und Rentner erhöhter Gefahr ausgesetzt. «Die aufgezählten Gebrechen führen alle zu einem langsamen und unsicheren Gang», sagt Seeger. «Als Fussgänger gehören ältere Menschen deshalb zu den besonders gefährdeten Personen im Strassenverkehr.» Aus diesem Grund wolle man mit der neuen Kampagne der Kantonspolizei Zürich zu einem rücksichtsvolleren Verhalten gegenüber älteren Verkehrsteilnehmern aufrufen. Dies sei nötig, da Senioren im Gegensatz zu Kindern nicht die gleiche Rücksichtnahme erhalten würden, ergänzt Reinhard Brunner, Chef der Präventionsabteilung der Kantonspolizei Zürich. «Dies ist erstaunlich, denn niemand hält sich so gut an die Verkehrsregeln wie ältere Fussgänger.»

Trotzdem seien über 50 Prozent der getöteten Fussgänger älter als 65. Das bestätigt auch Frank Schwammberger, Chef der Verkehrspolizei: «Es ist auffällig, dass Senioren überproportional in schwere Verkehrsunfälle verwickelt sind.» Letztes Jahr seien vier der fünf getöteten Fussgänger über 65 Jahre alt gewesen. «Das ist zwar eine relativ kleine Zahl, doch die Tendenz ist offensichtlich.» Man ortet also Handlungsbedarf. Dies nicht zuletzt, da der Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen in der Schweiz stetig ansteigt.

Was ist also zu tun? Schwammberger appelliert an die gegenseitige Rücksichtnahme: «Autofahrer sollen Geduld walten lassen, wenn ältere Fussgänger über den Streifen gehen und etwas länger brauchen als jüngere Personen.» Es sei kontraproduktiv, sie beim Überqueren der Strasse mit wildem Fuchteln oder Hupen antreiben zu wollen. Andererseits richte sich die Kampagne aber auch an die Senioren selbst. «Ältere Menschen sollen die Strasse erst dann überqueren, wenn Klarheit herrscht, dass der Autofahrer anhält.»

Dies erinnert an das Motto «Rad steht, Kind geht» – eine weitere Kampagne der Polizeien im Kanton Zürich, deren etwas ungelenker Reim seit kurzem die Pneus der Streifenwagen ziert. Nebst erhöhter Aufmerksamkeit sollen die Seniorinnen und Senioren laut Seeger vom Institut für Rechtsmedizin aus medizinischer Sicht eine regelmässig angepasste Brille tragen. Zudem sei genügend Zeitreserve im Strassenverkehr einzuräumen, in der Dämmerung helle Kleidung zu tragen und gegebenenfalls eine Gehhilfe zu benützen.

Und wenn sich ältere Menschen aufgrund all der drohenden Gefahren gar nicht mehr aus dem Haus wagen? «Das wäre der grösste Fehler», mahnt Seeger. «Sie würden sich selbst in ein Gefängnis stecken.» Deshalb sei es wichtig, dass Angehörige mit älteren Menschen die von ihnen am meisten benutzten Strassen ablaufen würden. «Und je besser die Autofahrer auf die älteren Verkehrsteilnehmer sensibilisiert sind und je geduldiger sie warten, desto sicherer werden auch die Senioren.»