VERKEHRSSICHERHEIT

«Im Alter sollte man über Alternativen zum Pkw nachdenken»

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Ältere Autofahrer sollten regelmäßig ihren gesamten Gesundheitszustand überprüfen lassen (Foto: djd/DVR/istockphoto)

Sicheres Autofahren ist viel mehr eine Frage der Gesundheit als des Alters. Das ist den älteren Verkehrsteilnehmern durchaus bewusst. Zwei Drittel der Senioren, die noch selbst Auto fahren, sind einer Forsa-Umfrage im Auftrag des DVR deshalb bereit, das Auto stehen zu lassen, sofern ihr Arzt dazu rät. Doch hier zeigt sich eine Lücke: Obwohl sich die meisten Senioren regelmäßig beim Arzt durchchecken lassen, sprechen der Umfrage zufolge nur wenige mit ihrem Arzt über den Einfluss der Gesundheit auf die Fahrtüchtigkeit.

Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Unfallgefahr im Straßenverkehr. Verschiedene Initiativen bemühen sich deshalb um eine Verbesserung der Verkehrssicherheit von Senioren. So hat beispielsweise der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) - unterstützt vom Bundesministerium für Verkehr, Bauen und Stadtentwicklung (BMVBS) - die Kampagne Aktion Schulterblick ins Leben gerufen (www.dvr.de/schulterblick).

Sie wirbt dafür, die eigene Gesundheit mit Blick auf eine sichere Verkehrsteilnahme regelmässig zu überprüfen, nennt Beratungsstellen, Trainings und Seminare und liefert wichtige Fakten und Zahlen rund um das Thema "sichere Mobilität ein Leben lang".

Dass ältere Fahrzeugführer sicher unterwegs sein können, meint im Interview auch Dr. Rudolf Günther, psychologischer Experte für Mobilität und Verkehrssicherheit für Senioren. Er setzt auf Fahrtrainings und Verkehrsaufklärung. Und auf den Mut zum Umsteigen. Im Alter nehmen Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit ab.

Welche Rolle spielen diese Beeinträchtigungen bei Verkehrsunfällen?
Dr. Günther: Sie führen dazu, dass unübersichtliche und unvorhersehbare Verkehrssituationen für Senioren eine höhere Unfallgefahr bedeuten. Dies zeigen auch aktuelle verkehrspsychologische Untersuchungen. Allerdings können die meisten Älteren diese Schwächen dadurch ausgleichen, dass sie längere Strecken und Fahrten bei Dämmerung oder Nässe vermeiden. Um es deutlich zu sagen: Der demografische Wandel wird die Unfallstatistik nicht dramatisch verändern.

Aber es wird deutlich mehr Autofahrer über 65 Jahren auf deutschen Straßen geben ...
Das stimmt. Unser Verständnis von Mobilität muss sich ändern. Denn Mobilität ist nicht nur ein individuelles Thema, sondern eine gesamtgesellschaftliche Frage. Es geht darum, die soziale Teilhabe älterer Menschen zu erhalten. Dabei zählt nicht nur, dass jemand mit dem Auto unterwegs ist. Es geht vielmehr um die Verbindung von Mobilität und Gesundheit, wie sie zum Beispiel beim Elektrofahrrad gelingt. Über die neuen Möglichkeiten von Mobilität müssen wir viel stärker informieren und insbesondere die Älteren ertüchtigen.

Eine aktuelle Forsa-Umfrage zeigt: Viele Autonutzer über 65 fühlen sich unsicher. Wo holen sie sich Unterstützung?
Hilfen oder Tipps vom Partner oder von den Kindern bringen beim Thema Fahrsicherheit meist nicht viel, weil sie nicht ausreichend zur Kenntnis genommen werden. Neutrale Experten wie Fahrlehrer sind dagegen sehr gut geeignet, zu beraten und Orientierung zu geben. Auch technologische Angebote der Automobilindustrie, zum Beispiel Assistenzsysteme, sind eine Möglichkeit, das Fahren zu erleichtern und Risiken zu vermeiden. Viele dieser Systeme sind allerdings noch nicht ausgereift.

Wie unterstützen Fahrlehrer und andere Profis ältere Autofahrer?
Sie klären in Seminaren auf, beispielsweise über Themen wie Veränderungen im Verkehrsrecht oder in der Automobiltechnik. Außerdem werden Fahrsicherheitstrainings angeboten, die dabei helfen, durch das Alter bedingte Schwächen auszugleichen. Wichtig ist, dass in diesen Veranstaltungen auch Alternativen zum Auto aufgezeigt werden. Wann ist ein Wechsel auf öffentliche Verkehrsmittel sinnvoll? Oder welche Chancen bietet die neue elektrisch gestützte Fahrradtechnik? Da gibt es noch erhebliche Informationsdefizite.

Ziel ist also, sein Mobilitätsverhalten zu hinterfragen - und zu ändern?
Richtig. Es geht darum, Änderungen der persönlichen Lebensführung und Verhaltensgewohnheiten in Einklang zu bringen. Das bedeutet zum Beispiel auch, seine Mobilität umzuorganisieren. Dabei kann am ehesten die Familie unterstützen. Wie wir aus psychologischen Studien wissen, müssen wir jedoch berücksichtigen, dass Hilfen von außen - etwa der Rat, ein Fahrsicherheitstraining zu absolvieren - vor allem dort an Grenzen stoßen, wo es keine Alternativen gibt oder die Kosten dieser Alternativen zu hoch sind. Ein Beispiel ist der ländliche Raum, wo älteren Menschen der Verzicht aufs Auto schwerfällt.

Angebote wie Fahrsicherheitstrainings oder Seminare für Senioren sind bisher freiwillig. Sollte sich das ändern?
Nein. Für die Teilnehmer ist wichtig, dass ihnen keine rechtlichen Konsequenzen wie der Führerscheinentzug drohen, wenn sie in Tests oder Trainings schlecht abschneiden. Nur so erreichen wir, dass möglichst viele sich Gedanken über ihre Fahrtüchtigkeit machen. Und gesundheitliche Beeinträchtigungen müssen ja nicht den totalen Verzicht auf Autofahren bedeuten. Eine Möglichkeit ist noch zu wenig bekannt: die bedingte oder eingeschränkte Fahreignung. Wer sie bescheinigt bekommt, darf zu festgelegten Bedingungen fahren, zum Beispiel nur zu bestimmten Zeiten oder auf bestimmten Strecken.

Dr. Rudolf Günther ist Diplom-Psychologe und Privatdozent am Psychologischen Institut der Universität Tübingen sowie Sprecher des Fachkreises Gerontopsychologie des Berufsverbands Deutscher Psycholog/-innen (BDP).